Inventing Queer Cinema

Szene aus Something Must Break (2014): Rechts steht Saga Becker als Sebastian, im Hintergrund ist Iggy Malmborg als Andreas zu sehen. Beide befinden sich nachts in einer unscharf beleuchteten urbanen Umgebung mit farbigen Lichtpunkten. Über dem Bild steht in großen weißen Buchstaben der Text „INVENTING QUEER CINEMA“, unterstrichen von einer dünnen Linie mit kleinen Diamantformen.

Alle Kinoliebhabenden aufgepasst, denn die Deutsche Kinemathek in Berlin zeigt noch bis 13. September 2026 die Ausstellung Inventing Queer Cinema. Die Ausstellung widmet sich dabei Personen und Institutionen, welche das queere Kino in Deutschland geprägt und vorangebracht haben. Neben verschiedenen historischen Ausstellungsstücken und Filmausschnitten, werden auch ganztägig im Studiokino queere Filme gezeigt. Im Fokus der Ausstellung stehen insbesondere Manfred Salzgeber und Rosa von Praunheim.
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Ein Beitrag von: Maddin

Worum geht es in der Ausstellung Inventing Queer Cinema?

Mit Inventing Queer Cinema eröffnet die Deutsche Kinemathek ihre erste Ausstellung am neuen Standort im Berliner E‑Werk – und zugleich ein neues Kapitel ihrer Auseinandersetzung mit queerer Filmkultur. Im Mittelpunkt stehen Filme und Filmschaffende, die seit den 1970er‑Jahren das queere Kino in Deutschland geprägt, erneuert und immer wieder neu erfunden haben. Erzählt wird eine Geschichte von Widerstand, Solidarität und gestalterischer Innovation, die bis in die Gegenwart reicht.

Queeres Kino macht die Erfahrungen, Lebensrealitäten und Perspektiven queerer Menschen sichtbar. Häufig stehen Figuren im Zentrum, die sich normativen Erwartungen entziehen – und damit auch heute noch oft als gesellschaftliche Außenseiter:innen gelten. Gleichzeitig bricht queeres Kino mit etablierten ästhetischen Konventionen und entwickelt eigene, widerständige Formen des Erzählens.

Die Ausstellung Inventing Queer Cinema präsentiert nicht nur prägende Filme, sondern würdigt auch jene Personen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf vielfältige Weise zur Sichtbarkeit queerer Filmkultur beigetragen haben – Filmemacher:innen, Festivalorganisator:innen, Verleiher:innen und viele andere. Welche Visionen von Kino trieben sie an? Welche Hindernisse prägten ihre Arbeit, welche Erfolge konnten sie feiern? Die Schau zeigt, wie queeres Kino gesellschaftliche Entwicklungen begleitet, beeinflusst und sogar den Mainstream verändert hat. Zugleich hebt sie die besondere Rolle Berlins als Zentrum queerer Film- und Subkultur hervor – ein Ort, der seit jeher von internationalen Künstler:innen bereichert wird.

Für die Ausstellung öffnet der Filmverleih Salzgeber erstmals sein umfangreiches Archiv. Ein Prolog verweist zudem auf frühe Beispiele aus den 1910er‑Jahren aus den Beständen der Deutschen Kinemathek. Weitere Stationen widmen sich der Frage, wie das Medium Fernsehen queere Themen aufgegriffen, verstärkt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Begleitet wird Inventing Queer Cinema von einer umfassenden Retrospektive im Studiokino sowie einem Veranstaltungsprogramm ab Juni.

Inventing Queer Cinema: Die Ursprünge des queeren Films in Deutschland

Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek. Historische Kostüme und Plakate unter anderem von "Mädchen in Uniform".
Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek. Die Schatzkammer in der ehemaligen Schaltzentrale des E-Werks mit Archivmaterial von Salzgeber.
Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek.
Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek. Bilder aus verschiedenen Filmen hängen im Raum.

Unsere Redaktion erreichte zu Beginn der neuen Ausstellung Inventing Queer Cinema eine Anfrage zur Zusammenarbeit von der Deutschen Kinemathek. Ich war natürlich sofort Feuer und Flamme und so begab ich mich mit ein paar Freunden zum neuen Standort in Berlin-Mitte. Wir haben uns allerdings nicht nur die Ausstellung angeschaut, sondern auch eine Führung mitgemacht sowie einen Film im Studiokino geschaut. Hier möchte ich euch davon berichten und darlegen ob sich der Besuch lohnt (Spoiler: Ja!).

Der neue Standort der Deutschen Kinemathek befindet sich im E-Werk, einem der ältesten erhaltenen Elektrizitätswerk in Deutschland. Das Gebäude wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, um die Umgebung mit Strom zu versorgen. Die Ausstellung Inventing Queer Cinema ist hier auf zwei Etagen untergebracht. Der Hauptteil befindet sich in der großen, historischen Maschinenhalle im Erdgeschoss. Für den Rest geht es per Fahrstuhl hoch ins zweite Obergeschoss zum historischen Schaltwerk, der sogenannten Schatzkammer.

Ein Raum, 1000 Möglichkeiten

Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek. Eine Halle mit vielen Bildern und Besucher:innen.
Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek.
Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek. Bildinstallation.
Foto der Ausstellung Inventing Queer Cinema in der Deutschen Kinemathek. Bildinstallation mit Ausschnitten aus verschiedensten Filmen.

Die Ausstellung in der Haupthalle beginnt mit einigen historischen Exponaten aus der Sammlung der Kinemathek, welche sich vor allem um frühe queere Filme am Anfang des 20. Jahrhunderts drehen. Auf einer Leinwand laufen außerdem Ausschnitte aus diesen Filmen, zum Beispiel von Aus eines Mannes Mädchenzeit (1913), Ich möchte kein Mann sein (1918), Anders als die Andern (1919) oder Mädchen in Uniform (1931).

In der Mitte der Halle dominieren große Visuals (rechteckige Plakate) den Raum. Auf jedem der Plakate sind auf Vorder- und Rückseite Bilder von moderneren queeren Filme sowie ein Zitat von wichtigen queeren Personen. Das sieht alles sehr hochwertig aus und lockert das Raumgefüge gut auf. Rechts von diesen Visuals ist eine Fernsehinstallation bei der ein TV-Auftritt von Rosa von Praunheim gezeigt wird sowie Ausschnitte aus dem Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971).

Im hinteren Teil der Halle ist ein Triptychon aus 3 Leinwänden installiert auf dem ein Zusammenschnitt von 90 Filmen gezeigt wird, wobei 22 Filme im Zentrum stehen. Der Zusammenschnitt geht ca. 30 Minuten und startet dann automatisch von vorne. Mich hat hier insbesondere der letzte Ausschnitt vom Film Viva (2015) beeindruckt, daher kann ich nur empfehlen: Nehmt euch die Zeit und schaut euch die Ausschnitte an!

Im Raum sind darüber hinaus Medienboxen verteilt, in denen zu verschiedenen Themen kurze Ausschnitte gezeigt werden, und in der Mitte des Raumes findet sich Lesestoff zu allen möglichen queeren Themen.

Inventing Queer Cinema: Manfred Salzgeber (1943-1994) im Fokus

Manfred Salzgeber (mit Teddy) und Wieland Speck bei der Teddy-Preis-Verleihung der Internationalen Filmfestspiele Berlin 1993.
Manfred Salzgeber (mit Teddy) und Wieland Speck bei der Teddy-Preis-Verleihung auf der Berlinale 1993 — Inventing Queer Cinema © Deutsche Kinemathek / Erika Rabau
Zwei Gesichter sind in einer Nahaufnahme eng nebeneinander zu sehen, weich ausgeleuchtet und sehr intim komponiert. Über dem Bild steht in weißer Schrift „Queere Geschichten“. Darunter befindet sich ein Button mit der Aufschrift „Shop Now!“ sowie das Thalia‑Logo.

Während unserer Führung haben wir einige interessante Dinge, sowohl über das Gebäude als auch über die Entstehung der Ausstellung, erfahren. So wurde die Ausstellung unter Anderem dadurch möglich, dass der Filmverleih Salzgeber sein Archiv geöffnet und dieses an die Deutsche Kinemathek übergeben hat. Einige besonders interessante Archivalien finden sich auch in der Ausstellung wieder, und zwar in der schon erwähnten Schatzkammer.

Diese setzt den Fokus auf Leben und Wirken von Manfred Salzgeber (1943-1994) in der deutschen und internationalen Filmbranche. Dieser brannte für den Film und auch insbesondere für das queere Kino. Mit 22 Jahren zog es ihn von Stuttgart nach Westberlin, wo er eine rege Tätigkeit in der dortigen Filmszene entfesselte. Er engagierte sich zunächst im Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. und organisierte hier regelmäßige Nachtvorstellungen im Kino Bellevue (das heutige Grips-Theater). Im Sommer 1969 kaufte er mit einigen Gleichgesinnten die Bayreuther Lichtspiele und eröffnete dort am 3. Januar 1970 das Kino Arsenal. 1973 übernahm er die Geschäftsführung des Bali Kino in Zehlendorf und machte es zu einem Außenposten des Politkinos der Bundesrepublik und West-Berlin. Auch an der Gründung des Tali Kinos (heute Moviemento) und des Yorck Kinos war er beteiligt.


»Ein Film ohne Publikum ist Celluloid.«


Ein engagierter Aktivist für die queere Szene und die Aids-Hilfe

Als er in den 1980er Jahren keinen Verleiher für den ersten Aids-Film Buddies (1985) von Arthur J. Bressan Jr. fand, brachte er den Film kurzer Hand selbst hierzulande in die Kinos. Am am 30. Oktober 1985 feierte er seine Premiere im Sputnik Kino Berlin. Dies war auch die Geburtsstunde des Filmverleihs Edition Manfred Salzgeber, welcher heute schlicht Salzgeber heißt. Darüberhinaus engagierte er sich in dieser Zeit auch sehr stark bei der Berlinale und baute dort die Sektion Panorama auf. Auch hier förderte er queere Filme wo er nur konnte und gründete 1987 den Teddy Award zusammen mit Wieland Speck.

Manfred Salzgebers Filmgeschmack war so bunt wie sein Leben. Von Antigone (1992) und Der Tod des Empedokles (1987), den eher künsterlisch angehauchten Filmen Huillets, über den Experimantalfilm BeFreier und Befreite (1992) von Helke Sanders bis Thomas Mischerlichs Reisen ins Leben (1996). Auch seine Aids-Infektion konnte ihn von seinem Engagement und Reisen kaum abhalten bis er am 12. August 1994 plötzlich verstarb.


»Auch von einer alten Tunte kann man noch viel lernen.«


Inventing Queer Cinema: Something must break – Ein besonderer queerer Film

Zwei Personen stehen nachts nebeneinander, eine raucht eine Zigarette.
Zwei Personen tanzen auf einem Dach.
Zwei Personen stehen auf einem Baum, der über einen kleinen Teich ragt. Im Hintergrund ist ein Abwasserrohr zu sehen.
Eine Person schaut nachdenklich in die Kamera.
Zwei nackte Personen stehen in einem Gewässer und umarmen sich.
Eine Person steht nachts auf einem Parkplatz.
Passion of Arts Dein Fenster zur Filmkunst. Spendabler Kaffee.

Nach der umfangreichen Führung und einem Rundgang durch die Ausstellung haben wir uns dann noch den Film Something Must Break im Studiokino angeschaut.

Der Film handelt über die transgeschlechtliche Person Sebastian bzw. Ellie (gespielt von Saga Becker), welche zu sich selbst finden muss und wo in der geschlechtlichen Skala er/sie sich einordnet. Dabei stößt Sebastian/Ellie immer wieder auf Ablehnung und Abscheu durch andere Personen. Zu Andreas (Iggy Malmborg) entwickelt sich eine zarte Beziehung, der aber mit Sebastians/Ellies Transgeschlechtlichkeit hadert.

Mann, Frau oder irgendwas dazwischen?

Der Film zeigt einfühlsam die Probleme von transgeschlechtlichen Menschen und entwickelt gerade in der zweiten Hälfte eine ungeheure Kraft und Sogwirkung. Anfangs scheint alles immer schlimmer zu werden für Sebastian/Ellie, doch in der zweiten Hälfte kann er/sie sich immer mehr von Zweifeln befreien, bis am Ende Emanzipation und ein eigener Weg steht.

Außerdem finden Sebastian/Ellie im Laufe des Weges immer mehr zu sich selbst. Anfangs noch als Mann unterwegs, sieht sich Ellie immer mehr bestärkt in ihrer Identität als transgeschlechtliche Person. Wobei eine gewisse Irritation bei mir vorherrschte, da ich anfangs nur wusste, dass der Film queer ist, aber nicht genau um was es geht. So sieht Sebastian/Ellie in der ersten Einstellung schon sehr feminin aus. Erst später kristallisiert sich dann die Transgeschlechtlichkeit heraus.

Saga Becker und Iggy Malmborg in den Hauptrollen spielen das auch sehr gut und einfühlsam. Becker ist eine gewisse Sehnsucht ins Gesicht geschrieben und auch in den Augen sichtbar, während Malmborg eher etwas keck und frech daher kommt.

Something Must Break ist insgesamt ein tolles und einfühlsames Portrait einer transgeschlechtlichen Person, das ich jedem nur herzlich empfehlen kann, der queere, romantische Dramen mag.

Something Must Break | 2014 © Salzgeber

Mein Fazit zur Ausstellung Inventing Queer Cinema

Die Ausstellung bietet wirklich einen großen Rundumschlag über die Erfindung des queeren Kinos in Deutschland und thematisiert viele interessante Aspekte. Von den frühen queeren und LGBTQIA+-Filmen bis zu modernen Filmen ist alles abgedeckt. Besonderen Bezug nimmt die Ausstellung dabei auf Rosa von Praunheim und Manfred Salzgeber und bietet interessante Einblicke in deren Leben und wirken.

Aus diesen Gründen kann ich die Ausstellung allen nur herzlich empfehlen.

Werdet ihr euch die Ausstellung Inventing Queer Cinema ansehen?


Über den Autor:

Ein impressionistisches Ölgemälde zeigt Maddin aus der Froschperspektive unter blauem Himmel. Er trägt dunkle Sonnenbrille, sein Gesicht ist warm vom Sonnenlicht beleuchtet, die Pinselstriche sind sichtbar und verleihen dem Porträt eine lebendige, strukturierte Wirkung. Maddin ist Gastautor bei Passion of Arts.

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Eine RiMa Koproduktion | Pressematerial: Inventing Queer Cinema | 2026 © Jonas Walter | Deutsche Kinemathek | Salzgeber | Titelbild: Something Must Break | 2014 © Salzgeber

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