Film

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

Veröffentlichungsjahr: 1971 | Genres: Dokumentation, Drama, Queer Cinema
Originaltitel: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt
Schauspieler: Bernd Feuerhelm, Berryt Bohlen, Ernst Kuchling, Volker Eschke, Michael Bolze

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt ist ein 1971 im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks entstandenes dokumentarisches Filmdrama von Rosa von Praunheim.

Der Film zeigt anhand seiner Figuren das Leben homosexueller Männer in der Berliner Subkultur der frühen 1970er Jahre und formuliert eine klare politische Botschaft: Die gesellschaftliche Benachteiligung werde durch Anpassung und Rückzug verstärkt, weshalb Selbstorganisation, Solidarität und öffentliches Auftreten notwendig seien, um Gleichberechtigung zu erkämpfen. Die sozialkritischen Kommentare und Forderungen folgen der Analyse der Drehbuchautoren. Die nachträglich aufgesprochene Tonspur und bewusst eingesetzte Asynchronität unterstreichen den agitatorischen Charakter. Zudem enthält der Film den ersten im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Kuss zwischen zwei Männern. Das Werk wurde zu einem zentralen Impuls der modernen deutschen Lesben- und Schwulenbewegung und prägte auch international die Debatten über queere Befreiung. Es trug dazu bei, dass der Begriff schwul zunehmend als selbstbewusste Eigenbezeichnung verwendet wurde.

Der Film folgt mehreren jungen Männern, die in Berlin unterschiedliche Formen schwuler Lebensrealität erleben – von heimlichen Beziehungen über konsumorientierte Szenetreffpunkte bis hin zu ersten politischen Zusammenschlüssen. In lose verbundenen Episoden zeigt der Film, wie gesellschaftlicher Druck, Scham und Unsichtbarkeit das Leben der Figuren prägen, und kontrastiert dies mit dem Aufbruch einer neuen, selbstbewussten queeren Bewegung. Die Handlung dient dabei weniger einer klassischen Dramaturgie als einer analytischen Betrachtung sozialer Strukturen und möglicher Wege des Widerstands.

Rosa von Praunheim drehte den Film im Auftrag des WDR, jedoch unter ungewöhnlichen Bedingungen: Um Eingriffe oder einen Abbruch der Dreharbeiten zu verhindern, wurde zunächst stumm gedreht und der Kommentar später hinzugefügt. Diese nachträgliche Vertonung erzeugte eine bewusst eingesetzte Asynchronität zwischen Bild und Ton, die den agitatorischen Stil verstärkt. Gedreht wurde mit kleinem Budget, vielen Laiendarsteller:innen und einem dokumentarisch anmutenden Ansatz, der die Berliner Schwulenszene jener Zeit unmittelbar einfängt. Die Produktion war für den öffentlich‑rechtlichen Rundfunk ein Wagnis und führte nach der Ausstrahlung zu intensiven gesellschaftlichen Debatten.


Pressematerial © Bavaria Atelier | WDR | EuroVideo
Trailer © QUEERmdb
Quellen: Wikipedia (CC BY‑SA)


Regie: Rosa von Praunheim
Drehbuch: Martin Dannecker, Sigurd Wurl, Rosa von Praunheim
Produzent: Werner Kließ
Kamera: Robert van Ackeren
Schnitt: Jean-Claude Piroué

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