In schwarz-weißen Bildern streift eine Frau vor mehreren Jahrhunderten durch das heutige Deutschland und gibt sich als Mann aus. Das ist Rose, der neue Film mit Sandra Hüller, welcher dieses Jahr auf der Berlinale seine Premiere feierte und mittlerweile in den deutschen Kinos läuft. Auf den ersten Blick klingt dies nach einem sperrigen und verkünstelten Stoff, der wieder mal nur für ein Arthouse-Publikum inszeniert wurde. Möglicherweise entspricht dies auch einem Teil der Wahrheit, aber nicht vollständig. Rose ist sperrig, aber entwickelt gleichzeitig auch einen Sog, wenn einmal Zugang gefunden wurde. Dabei setzt sich Schleinzer mit mehreren Themen auseinander, die keinesfalls so angestaubt sind, wie man meinen könnte.
Ein Beitrag von: Florian
Worum geht es in Rose?
Rose ist ein österreichisch-deutsches Historiendrama aus dem Jahr 2026 unter der Regie von Markus Schleinzer, der gemeinsam mit Alexander Brom auch das Drehbuch verfasste. Die Hauptrolle übernahm Sandra Hüller, deren Darstellung auf der Berlinale 2026 mit dem Silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Inspiriert wurde die Figur der Rose von zahlreichen historisch dokumentierten Fällen von Frauen, die sich in früheren Jahrhunderten als Männer ausgaben, um gesellschaftliche Freiheiten zu erlangen, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären.
Kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges erscheint ein fremder ehemaliger Soldat in einem abgelegenen protestantischen Dorf. Der Fremde gibt sich als rechtmäßiger Erbe eines verlassenen Gutshofes aus und beginnt mit großem Ehrgeiz, das Anwesen wieder aufzubauen. Hinter der Identität des Soldaten verbirgt sich jedoch Rose (Sandra Hüller), eine Frau, die die Identität eines gefallenen Mannes angenommen hat, um frei leben zu können. Mit harter Arbeit gewinnt Rose nach und nach das Vertrauen der Dorfbewohner und gerät schließlich in eine arrangierte Ehe mit Suzanna (Caro Braun), der Tochter eines Großbauern (Godehard Giese). Während Rose versucht, ihr sorgfältig aufgebautes Leben aufrechtzuerhalten, wächst zugleich die Gefahr, dass ihr Geheimnis entdeckt wird.
Rose und die Wirren des Dreißigjährigen Krieges

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Die Welt ist zerrüttet. Die Menschen leiden unter den Folgen des Krieges. Söhne kehren nicht Heim, Mütter müssen ihre Sprösslinge ohne einen Vater aufziehen. Andere wiederum kehren zurück aber haben sich selbst verloren. Wie sehr muss es schmerzen durch Dreck und Kälte zu kriechen nur um weiteres Leid zu erfahren. Plötzlich fliegt die Kugel durch das Gesicht, zerstört was einmal schön gewesen. Lässt Bekanntschaften niedergestreckt zurück. Ausgetreten ist der Hauch des Lebens und lässt ihre Körper zum Verrotten liegen.
In diese Zeit schickt Markus Schleinzer seine Rose mit ihrer Geschichte. Hinab in die Tiefen des 17. Jahrhunderts, wo die Menschen zermürbt waren nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das gesamte Mitteleuropa war umkämpft. Dabei begann alles als Religionskrieg zwischen den Katholiken und Protestanten, wurde aber immer komplizierter. Klare Fronten verblassten, Soldaten erhielten keinen Lohn und das Leid aller wurde immer größer. Bis es endlich zu einem Frieden kam und eine neue Ordnung in der Welt anbrach. Einhergehend auch Träume und Hoffnungen für Einzelpersonen.
Schleinzer lässt die Vergangenheit erwachen und irritiert
Diese Zeit lässt Rose wieder aufleben. Markus Schleinzer zieht das Historiendrama dabei in erster Linie als fast schon dokumentierendes Zeitdokument auf. Zwar ist er interessiert an seinen Figuren und seinen Themen, aber genauso sehr auch daran, ein möglichst glaubhaftes Bild der Vergangenheit heraufzubeschwören. Dabei wird versucht das Ganze nicht zu romantisieren, weshalb die Kamera sich zurückhält. Ihre Funktion ist beobachtend und trotzdem aussagekräftig. Hierbei fängt sie wunderschöne Bilder, sowie sperrige Umstände ein. Rose macht die Beschwerlichkeit der Arbeit ebenso greifbar, wie die Kälte, unter der die Figuren im Winter in den spärlich eingerichteten Häusern leiden.
Kalt ist dabei allerdings auch das Miteinander der Figuren. Mit bewusster Irritation fordert Schleinzer das Publikum gleichermaßen heraus, wie er es auch versucht noch tiefer in die Zeit hineinzuziehen. Dementsprechend zeigen die Figuren keinerlei Emotionen und verhalten sich distanziert zueinander. Dieser Eindruck wird von der Sprache untermauert. Sie wirkt gekünstelt, aufgesetzt und auf eine künstlerische Art und Weise doch authentisch. So authentisch wie auch die Optik in Schwarz und Weiß, welche sich als reine Darstellung der Vergangenheit eigentlich längst abgenutzt hat und hier dennoch ins Schwarze trifft. Am meisten fordert dann vielleicht doch Sandra Hüller, beziehungsweise der Umstand, dass sie für einen Mann gehalten wird, obwohl ihr Spiel nicht wirklich täuschen will.
Der Soldat in Rose

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Dabei handelt es sich jedoch, wie bei allem in diesem Werk, um eine komplett bewusst getroffene Entscheidung. Keineswegs will Rose ein Mann im eigentlichen Sinne sein. Für sich genommen spielt das Geschlecht keine Rolle, sondern was aus ihm heraus folgt. Dadurch lässt Schleinzer sein Historiendrama zu einer subtilen Kritik an patriarchalen Strukturen werden. Die vergangene Welt erzählt sich als eine, in der ein körperliches Merkmal über sozialen Status und über weitere Lebensentwürfe entscheidet. Keine Leistungen, keine Errungenschaften, keine Eigenschaften, sondern der Zufall.
Roses Mannwerdung hat also nichts damit zu tun, dass sie ein Mann sein will, sondern dass sie nach deren Freiheit, deren Rechten strebt. Rose setzt sich damit auseinander, was es bedeutet ein Mann zu sein. Dabei steht die Stellung in der Gesellschaft im Fokus. Wann ist ein Mensch frei? Für Rose zeigt sich Freiheit in eigenem Besitz und darin Herr von sich selbst und nicht Besitztum eines Anderen zu sein. Doch Besitz kann in dieser Welt nur ein Mann erlangen. Darum muss Rose ein Mann sein, um frei zu sein.
Wieder einmal brilliert Sandra Hüller. Aber nicht nur sie!
Als Charakter bleibt Rose, wie alle Figuren allerdings unnahbar. Keineswegs will Schleinzer sein Publikum durch oberflächliche Emotionalität in einem unverkennbaren Maße manipulieren. Das Urteil des Zuschauenden soll infolge von geschickt gelenkten Überlegungen getroffen werden. Hierfür ist eine Identifikation mit der Hauptfigur jedoch nötig. Allerdings liegt dies nicht im Aufgabenbereich des Drehbuchs, sondern in dem von Sandra Hüller. Wieder einmal beweist sie hierbei ihre ganze Klasse. Allein ihr Spiel mit den Augen kann, die durch Sprache und Handlungen aufgebaute Distanz aufbrechen. Dahinter verbirgt sich eine emotionale Figur, die sich, um zu überleben, der um sie herum existierenden Welt angepasst hat.
Die kleine Entdeckung in Rose ist allerdings Caro Braun. Sie schlüpft in die Rolle, der Suzanna, die mit dem fremden Soldaten verheiratet wird. Zunächst unscheinbar, spielt Caro Braun sich mit dem Wendepunkt der Geschichte im Mittelteil immer weiter in den Fokus, wobei sie Sandra Hüller kurzzeitig fast in den Schatten stellt. Es geht darum, wie sie die Charakterentwicklung ihrer Suzanna portraitiert. Mit dieser Veränderung gehen auch ein veränderter Gang und eine selbstbewusste Stimme einher. Plötzlich hat Suzanna etwas, wofür sie kämpfen kann. Genau diese Kampflust strahlt Caro Braun aus.
Rose ist in seinen Themen brandaktuell

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Doch kann dieser Kampf wirklich von Erfolg gekrönt werden? Das Ende von Rose schwebt die ganze Zeit, wie ein Damoklesschwert über dem Werk und scheint unausweichlich. Für Historienfilme, die als glaubwürdig wahrgenommen werden wollen ist dies keineswegs ungewöhnlich. Dennoch ist Rose deutlich mehr als nur ein Film über die vergangene Zeit. Markus Schleinzer nutzt diese Geschichte, die von mehreren historischen Berichten über verschiedene Personen geprägt ist, um sich gleichzeitig mit unserer Gegenwart auseinanderzusetzen.
Damit ist Rose brandaktuell. Die Aussage ist klar und weniger verdeckt, als man es denken könnte. Schleinzer erzählt von einer Gesellschaft, die klare Regeln aufgestellt hat und nun das treue Befolgen derer verlangt. Wer sich nicht mit dem ihm oder ihr Zugestandenen zufriedengibt ist ein Feind der Gemeinschaft und muss eliminiert werden. Erwartet wird gedankenloses Befolgen, das Abgeben des eigenen Denkens und die Annahme einer Schwarmintelligenz. Die Sicherung des eigenen Lebens in bedingungsloser Anpassung. Aber ist die Gesellschaft auf den richtigen Grundfesten erbaut worden? Ist sie gerecht? Rose lässt Kritik an dem schwachen Argument des Ist-Zustands und der Tradition zu. Nur weil etwas schon länger so war, weil viele Menschen dem folgen, muss es nicht richtig sein.
Fazit zu Rose:
In Rose entführt Markus Schleinzer sein Publikum in die harte Welt der Vergangenheit. Handwerklich versiert entstehen starken Bilder und eine Distanz, die gleichzeitig in dem Anschein historischer Akkuratesse eine wahre Stärke darstellt. Deshalb kann Rose allerdings auch anstrengend wirken. Entstanden ist ein Werk, welches die Rezipienten herausfordert und nicht an die Hand nimmt. Das Paradoxon aus Langsamkeit und Ereignishaftigkeit mag irritieren und überraschen kann die Geschichte auch nicht.
Werdet ihr euch Rose ansehen?
TRAILER: ©Piffl Medien

FLORIAN – Filmkritiker
Meine Leidenschaft begann wohl schon recht früh in meiner Kindheit, als ich erstmals die Karl May Verfilmungen der 60er Jahre von Rialto Film sah. Daraufhin erforschte ich klassische und modernere Filmreihen von Star Wars bis hin zum Marvel Cinematic Universe. Irgendwann wurde aus der Lust nach Abenteuer und Action eine Liebe zum Medium Film, die mich auch abseits der berühmten Blockbuster auf faszinierende Reisen schickte. Seit Juli 2020 bin ich auf Letterboxd aktiv und erweitere seither meinen Horizont beständig. Daraus entwickelte sich seit der Sichtung von „RRR“ und dem Kinobesuch von „Jawan“ eine Liebe für das indische Kino. Offen bin ich abseits dessen für nahezu alle Jahrzehnte und Genres, lediglich amerikanischen Komödien bleiben ich am liebsten fern.
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Weitere Meinungen zu Rose aus der Redaktion
„Insgesamt einer der besseren Berlinale-Filme.“
– MADDIN
Andere Meinungen zu Rose
Franziska Tretter von adoringaudience.de
[…]Auch wenn ROSE im letzten Drittel ein paar kleinere Längen hat, überzeugt dieser Film vollumfänglich. Alles ist stimmig. Und es macht wütend. Und wenn ein Film Emotionen auslöst, dann ist es ein guter Film. 9,5 von 10 Sternen
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Elias Schäfer von Film-Rezensionen.de
„Rose“ brilliert nicht nur mit einer zeitlosen Optik und den herausragenden Protagonistinnen, sondern wesentlich durch die traurige, gegenwärtige Präsenz seiner Aussagen. Trotz etlicher Fortschritte in den letzten knapp 100 Jahren steckt auch im ach so progressiven Westen in der Hose immer noch mehr Freiheit. Ein wichtiger, zeitloser Film, der genau zur richtigen Zeit erscheint. 9 von 10 Punkten.
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Anke Sterneborg von epd Film
Die altertümlich bedächtige Sprache verortet die Handlung in einer fernen Vergangenheit, »Rose« spielt in einem noch sehr mittelalterlich anmutenden 17. Jahrhundert, doch die Themen, die verhandelt werden, die Gewalt an und Diskriminierung von Frauen, klingen nach bis in die Gegenwart. […] 5 von 5 Sternen
Pressematerial: Rose | 2026 ©Piffl Medien
