Totally Fucked Up
Veröffentlichungsjahr: 1993 | Genres: Drama, Coming of Age, Tragikomödie, Queer Cinema, Sozialdrama, Romanze, Independent-Film, Avantgarde, Episodenfilm, Arthouse, Experimentalfilm
Originaltitel: Totally F***ed Up
Schauspieler: James Duval, Roko Belic, Susan Behshid, Jenee Gill, Gilbert Luna, Lance May, Alan Boyce, Craig Gilmore, Nicole Dillenberg, Johanna Went, Robert McHenry, Brad Minnich, Michael Costanza, Babyland, Joyce Brouwers, Clay Walker, Aymee Valdes, Cooper, PeePee Lee, Marcus Hu, Jon Gerrans, David R. Finkelstein, Pryor Praczukowski, Patrick Burke
Totally F***ed Up (auch bekannt als Totally Fucked Up) ist ein 1993 erschienener amerikanischer Avantgarde‑Dramafilm von Gregg Araki, der zugleich Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt übernahm und damit ein Werk schuf, das heute als prägender Beitrag des New Queer Cinema gilt. Als erster Teil von Arakis Teenage Apocalypse Trilogy erzählt der Film von sechs queeren Jugendlichen, die in Los Angeles eine Art Wahlfamilie bilden und gemeinsam versuchen, ihren Alltag, ihre Beziehungen und die Herausforderungen einer feindseligen Umwelt zu bewältigen. Die Figuren – Andy (James Duval), Tommy (Roko Belic), Michele (Susan Behshid), Patricia (Jenee Gill), Steven (Gilbert Luna) und Deric (Lance May) – bewegen sich durch eine episodisch strukturierte Handlung, die in 15 Kapitel gegliedert ist und immer wieder durch dokumentarisch anmutende Videoaufnahmen gebrochen wird, die Steven mit einer Handkamera festhält. Diese Mischung aus experimenteller Form, Interviewfragmenten und jugendlicher Subkultur verleiht dem Film eine rohe, unmittelbare Atmosphäre, die Araki selbst als „rag‑tag story of the fag‑and‑dyke teen underground“ beschrieben hat – eine Art queerer John‑Hughes‑Film, nur radikaler, politischer und ästhetisch unkonventioneller.
Im Zentrum stehen die emotionalen Verflechtungen, Unsicherheiten und Sehnsüchte der Jugendlichen, die sich in ihren Freundschaften, Lieben und Alltagskämpfen spiegeln. Während Steven (Gilbert Luna) und Deric (Lance May) mit den Folgen einer belasteten Beziehung ringen, suchen Michele (Susan Behshid) und Patricia (Jenee Gill) nach Wegen, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten. Andy (James Duval) und Tommy (Roko Belic) bewegen sich zwischen Nähe, Orientierungslosigkeit und dem Versuch, in einer Welt, die ihnen wenig Raum lässt, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu finden. Die Stadt Los Angeles bildet dabei nicht nur Kulisse, sondern ein eigenes Spannungsfeld aus Konsumkultur, politischem Klima und jugendlicher Einsamkeit, das die Figuren prägt und herausfordert.
Araki drehte den Film mit minimaler Crew auf 16‑mm‑Material und suchte bewusst Schauplätze mit surrealer Ausstrahlung, um die innere Welt seiner Figuren zu spiegeln. Die Besetzung besteht aus echten Teenagern, was der Darstellung zusätzliche Authentizität verleiht. Stilistisch prägt die intensive Nutzung einer Handkamera das Werk, ein Verfahren, das in den 1990er‑Jahren – etwa durch Filme wie Sex, Lies, and Videotape, Reality Bites oder später The Blair Witch Project – zunehmend populär wurde und das Araki 1997 in Nowhere erneut aufgriff.
Thematisch verhandelt der Film queere Identität, jugendliche Selbstfindung und die Frage nach Sicherheit in einer Zeit, in der die AIDS‑Krise das gesellschaftliche Klima stark beeinflusste. Die Jugendlichen sind größtenteils offen queer und bewegen sich dennoch in einem Umfeld, das sie immer wieder mit Vorurteilen, Gewalt und Unsichtbarmachung konfrontiert. Gleichzeitig zeigt der Film, wie queere Gemeinschaft Schutzraum, Reibungsfläche und emotionales Netz zugleich sein kann. Auch die spezifische Kultur von Los Angeles – Einkaufszentren, Suburbs, Straßenkultur – fließt in Arakis Erzählweise ein und spiegelt seine eigenen Erfahrungen als junger Mensch in dieser Stadt.
Totally F***ed Up erschien 2005 auf DVD (Region 1) sowie in Großbritannien und Deutschland (Region 2), jeweils mit Audiokommentar von Araki, Luna und Duval. 2024 veröffentlichte The Criterion Collection den Film im restaurierten 2K‑Transfer als Teil des Gregg Araki’s Teen Apocalypse Trilogy‑Sets. Die zeitgenössische Kritik reagierte gemischt: Während Todd McCarthy in Variety die Struktur und Figurenzeichnung bemängelte, lobten Kritiker wie Steve Davis (The Austin Chronicle) und Kevin Thomas (Los Angeles Times*) die authentische Darstellung queerer Jugendlicher, die Abwesenheit stereotyper Klischees und Arakis ungeschliffene, unmittelbare Ästhetik. Araki selbst betonte später, dass sein Werk weiterhin junge Menschen erreiche und eine neue Generation über DVD‑ und Streaming‑Veröffentlichungen Zugang zu seiner Trilogie finde.
Pressematerial © CMV Laservision | Desperate Pictures
Trailer © Strand Releasing
Quellen: Wikipedia (CC BY‑SA)
Regie: Gregg Araki
Drehbuch: Gregg Araki
Produzent: Gregg Araki, Alberto García, Andrea Sperling
Kamera: Gregg Araki
Schnitt: Gregg Araki