Kill Bill: The Whole Bloody Affair – Filmkritik

Flatlay‑Szene auf Holzuntergrund mit Filmrequisiten: links eine kleine Tafel mit dem Wort „FILM“, daneben eine schwarz‑weiße Filmklappe und eine Schale Popcorn. Rechts liegt ein schwarz‑weißes Porträt von Uma Thurman als ikonische Figur aus „Kill Bill“, die ein Katana senkrecht vor ihr Gesicht hält. Darüber steht in handschriftlicher Typografie „Kill Bill – The Whole Bloody Affair“, umgeben von dekorativen weißen Federn.

Mit „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ erscheint Quentin Tarantinos vierter Film nun endlich in jener Fassung, die der Kultregisseur seit jeher geplant hatte. Über 20 Jahre hat es gedauert, bis wir dieses Racheepos in der Form sehen können, wie es ursprünglich gedacht war.

Eine Vision, die nun beide Filme zu einem gewaltigen Epos vereint. Eine Version, die lange Zeit fast schon mythologisch verklärt wurde. Als der „wahre Kill Bill“, als das vollständige Werk, als das fehlende Puzzlestück.

Doch was bedeutet das eigentlich? Wie verändert sich die Wirkung dieser zwei für sich genommen schon starken Filme? Wird daraus nun das versprochene Meisterwerk – oder ist es am Ende doch „nur“ eine alternative Schnittfassung für Fans?

Ich durfte diese Version nun endlich auf der großen Leinwand erleben und kann eines vorweg sagen. „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist weit mehr als nur das Zusammenfügen zweier Filme zu einem.

Ein Beitrag von: Martin K.

Worum geht’s in „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“?

Die Braut (Uma Thurman), eine ehemalige Auftragskillerin der Deadly Viper Assassination Squad, erwacht nach Jahren aus dem Koma und schwört Rache an jenen, die ihr früheres Leben zerstört haben. Auf ihrer Liste stehen ehemalige Weggefährten wie O-Ren Ishii (Lucy Liu), Vernita Green (Vivica A. Fox), Budd (Michael Madsen), Elle Driver (Daryl Hannah) und schließlich ihr früherer Anführer Bill (David Carradine). Ihre Reise führt sie von amerikanischen Vororten über Okinawa bis nach Tokio, wo sie sich verschiedenen Gegnern, alten Erinnerungen und den Konsequenzen ihrer Vergangenheit stellen muss. Unterstützt durch ihre Ausbildung und ein Schwert des legendären Hattori Hanzō (Sonny Chiba), folgt sie einem Weg, der körperliche Gewalt mit emotionaler Selbstbehauptung verbindet.

Ein Film, zwei Teile – die Geschichte hinter dieser Fassung

Die Braut steht kampfbereit im Vordergrund, während im Hintergrund mehrere maskierte Schwertkämpfer zu sehen sind. | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Auf ihrem Weg zur Rache kann die Braut nichts aufhalten — Kill Bill: The Whole Bloody Affair | 2004 © A Band Apart | Lionsgate

Schon bei seiner ersten Veröffentlichung wollte Quentin Tarantino „Kill Bill“ als einen großen Racheepos in die Kinos bringen. Als einen Film, der die Geschichte genau so erzählt, wie er sie geplant hatte. Als ein Werk, das seine Liebe zu Samurai-Filmen, Martial-Arts und dem Exploitation-Kino der 70er in einer einzigen großen Erzählung bündelt.

So war der Film konzipiert: als über vier Stunden langes Epos. Doch genau diese Länge wurde zum Problem. Die Studios zeigten sich wenig begeistert von der Idee, einen derart ausufernden Film in dieser Form ins Kino zu bringen. Zu lang, zu brutal, zu unkonventionell erschien ihnen das Projekt. Und so war die Lösung letztlich so pragmatisch wie einschneidend: „Kill Bill“ wurde in zwei Teile aufgeteilt – „Vol. 1“ und „Vol. 2“ –, die in relativ kurzem Abstand zueinander veröffentlicht wurden.

Eine Entscheidung, die zwar wirtschaftlich nachvollziehbar war, erzählerisch jedoch spürbare Auswirkungen hatte. Und die vor allem die künstlerische Idee des Werkes verwässerte. Denn während der erste Teil als stilistisches Feuerwerk aus Gewalt, Tempo und visuellen Ideen nahezu für sich allein stehen kann, wirkt der zweite Teil im direkten Vergleich deutlich ruhiger, fokussierter und stellenweise fast schon zurückgenommen. Zwei Filme, die für sich genommen zwar funktionieren – aber nie ihr volles Potenzial erreichen. Nie das große Ganze abbilden, das Tarantino anpeilte.

Genau hier setzt nun „The Whole Bloody Affair“ an. Über Jahre hinweg entwickelte sich diese Fassung zu einer Art cineastischem Mythos. Lange Zeit nur einer kleinen Gruppe vorbehalten, die den Film in speziellen Vorführungen erleben durfte. Für den Rest der Filmfans wurde er zur Legende, die unerreichbar schien. Die Vorstellung, Tarantinos ursprüngliche Vision eines ungeteilten „Kill Bill“ eines Tages doch noch sehen zu können, wurde zum Heiligen Gral der Tarantino-Fans.

Dieser Gral scheint mit dieser Fassung nun gefunden und der Kreis geschlossen. Doch nach über 20 Jahren stellt sich eine unweigerlich die Frage. Ist es überhaupt möglich, die über Jahre aufgebaute Erwartungshaltung zu erfüllen. Ist „The Whole Bloody Affair“ tatsächlich jene kompromisslose Umsetzung ist, die man sich in der eigenen Fantasie ausgemalt hat. Oder ist es am Ende doch „nur“ eine Annäherung an das bleibt, was „Kill Bill“ immer sein sollte.

Um diese Frage beantworten zu können, lohnt sich zunächst ein genauer Blick darauf, was sich in „The Whole Bloody Affair“ überhaupt verändert hat.

Mehr als nur ein alternativer Schnitt – was ist neu in „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“?

Ein Mädchen schlägt einem auf dem Boden liegenden Mann die Hand in einem Aufzug ab | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Länger und mehr Geschichte – die Anime-Sequenz — Kill Bill: The Whole Bloody Affair | 2004 © A Band Apart | Lionsgate
Werbebild für Anime-Produkte im Thalia-Shop: Ein großer, stilisierter Mecha-Roboter vor blauem Himmel mit Wolken. Oben links steht der Schriftzug ‚ANIMES IM THALIA SHOP!‘, darunter ein Button mit ‚SHOP NOW‘ und dem Thalia-Logo.

Bevor wir also zu meiner Wertung und meinen persönlichen Eindrücken kommen, schauen wir noch, was sich denn nun genau geändert hat. Wo die Unterschiede zu jenen Filmen liegen, die wir bisher kannten.

Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zwischen den bekannten Kinofassungen und „The Whole Bloody Affair“ überraschend überschaubar. Es sind keine radikalen Umbrüche, keine komplett neuen Handlungsstränge oder gravierenden Erweiterungen. Vielmehr sind es kleine, gezielte Anpassungen, die ihre Wirkung erst im Gesamtbild entfalten.

Der wohl auffälligste erzählerische Unterschied ist die Präsentation als ein zusammenhängender Film. Der Wegfall des Cliffhangers am Ende von „Vol. 1“ sowie des einleitenden Monologs von „Vol. 2“ sorgt dafür, dass die Geschichte deutlich flüssiger ineinander übergeht. Der Bruch zwischen den beiden Hälften wird spürbar geglättet, wodurch sich ein ganz anderer Rhythmus ergibt.

Auch visuell gibt es markante Veränderungen. Die ikonische Sequenz im Haus der Blauen Blätter wird hier komplett in Farbe und ungeschnitten gezeigt. Ein Detail, das die Wirkung dieser ohnehin schon herausragenden Szene noch einmal intensiviert. Was in der Kinofassung durch den Wechsel in Schwarz-Weiß zu einer stilisierten Kunstszene wurde, wirkt hier unmittelbarer, roher und gleichzeitig auf andere Weise eindrucksvoll.

Darüber hinaus findet sich eine kleine Erweiterung in der Anime-Sequenz, die nun ausführlicher ausfällt, ohne jedoch grundlegend neue Akzente zu setzen. Es sind genau diese wenigen, aber entscheidenden Veränderungen, die in der Summe einen spürbaren Unterschied machen.

Oder anders gesagt. „The Whole Bloody Affair“ verändert weniger den Film selbst – als vielmehr das Gefühl, mit dem man ihn erlebt.

The Whole Bloody Affair – Wenn aus zwei Filmen einer wird

Lucy Liu als O-Ren Ishii hält ein Schwer hinter ihren Kopf, während vor ihr eine Blutfontäne hochspritzt | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Uma Thurman geht vor einer Werbetafel mit der Aufschrift Red Apple entlang | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Uma Thurman ist im Profil vor einem gelben Pick-Up-Truck mit der Aufschrift Pussy Wagon zu sehen | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Die Braut fährt mit gelbem Anzug ein gelbes Motorrad über die Straßen von Tokio | Kill Bill: The Whole Bloody Affair

Aber kommen wir nun zum wirklich Wichtigen: Wie funktioniert dieser Film denn nun?

Spätestens nach dem Ende der ersten Hälfte – dort, wo früher die Teilung stattfand – wird deutlich: „The Whole Bloody Affair“ ist mehr als nur ein Zusammenschnitt. Der Film fühlt sich anders an – geschlossener, runder. Vor allem aber: flüssiger.

Die wohl größte Stärke dieser Fassung liegt im neu gewonnenen Rhythmus. Der Bruch zwischen „Vol. 1“ und „Vol. 2“, der in den Kinofassungen noch deutlich spürbar war, wird hier nahezu vollständig aufgelöst. Durch den Wegfall des Cliffhangers und des erneuten Einstiegs entsteht ein Erzählfluss, der die Geschichte endlich als das wirken lässt, was sie immer sein sollte: ein zusammenhängendes Racheepos.

Das macht sich besonders in der zweiten Hälfte bemerkbar. Jener Teil, der zuvor als zu ruhig, zu langatmig oder gar als stilistischer Bruch wahrgenommen wurde, fügt sich hier deutlich harmonischer in das Gesamtbild ein. Hier wirkt er wie ein Gegengewicht zur stilistischen Eskalation der ersten Hälfte. Die bekannten Pacing-Probleme sind zwar nach wie vor vorhanden – das Finale zieht sich noch immer etwas –, doch sie wiegen in dieser Version spürbar weniger schwer.

Es ist faszinierend zu sehen, wie minimale Änderungen eine so große Wirkung entfalten können. Kaum sichtbar, aber deutlich fühlbar, verändert sich das Tempo des Films und sorgt dafür, dass sich „Kill Bill“ endlich wie ein in sich geschlossenes Werk anfühlt.

Racheengel und verlorene Seelen – die Figuren in „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“

Die Mitglieder der Deadly Viper Assasination Squad stehen nebeneinander und schauen nach unten.
Bill (David Carradine) spielt auf einer Flöte
Daryl Hannah geht pfeifend durch einen Gang, man sieht sie leicht von unten
O-Ren Ishii blickt streng in die Kamera und hält einen anderen Kopf vor sich
Sonny Chiba als Hattori Hanzo sitzt auf seinen Knien und hält ein Samuraischwert vor sich
Werbung für Thalia mit dem Slogan „Literarisch um die Welt – eBook-Romane nach Ländern entdecken & sparen“. Im Hintergrund ist eine malerische Szene aus Venedig zu sehen: Gondeln gleiten durch einen Kanal, umgeben von historischen Gebäuden. Die Anzeige lädt dazu ein, literarisch verschiedene Länder zu bereisen – von Italien bis Island – und dabei bei ausgewählten eBooks zu sparen.

So sehr „Kill Bill“ auch von seiner Inszenierung, seinen Einflüssen, seiner Ästhetik und der Erzählung lebt, liegt eine seiner größten Stärken – wie so oft bei Tarantino – in seinen Figuren. Und im Zentrum all dessen steht Uma Thurman.

Als Beatrix Kiddo, a.k.a. die Braut, verkörpert sie eine Figur, die mühelos zwischen zwei Extremen pendelt. Auf der einen Seite die eiskalte, kompromisslose Killerin – präzise, brutal und nahezu unaufhaltsam. Auf der anderen Seite eine Frau, die in Rückblicken und ruhigeren Momenten beinahe naiv wirkt. Geblendet von Bill und gefangen in einer Welt, die sie lange nicht hinterfragt hat. Diese Dualität trägt den Film, und Thurman meistert sie mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckt. Ob in ikonischen Kämpfen oder ruhigen Gesprächen am Lagerfeuer – Kiddo überzeugt.

Ihr gegenüber steht David Carradine als Bill – eine Figur, die weniger durch physische Präsenz als durch Ausstrahlung wirkt. Wird er in der ersten Hälfte noch zu einer ungreifbaren Entität mystifiziert, ist es in der zweiten diese ruhige, fast schon würdevoll-erhabene Art, die dem Charakter eine besondere Gravitas verleiht. Seine Figur erinnert dabei nicht zufällig an die großen Figuren des klassischen Genrekinos. In ihm schwingt genau jene Liebe zum B-Movie- und Martial-Arts-Kino mit, die Tarantinos gesamtes Werk durchzieht.

Auch der restliche Cast fügt sich nahtlos in dieses Gesamtbild ein. Daryl Hannah, Michael Madsen, Lucy Liu und Vivica A. Fox passen perfekt in ihre Rollen. Sie alle verkörpern einen Teil dessen, was Tarantino würdigen will. Sie alle stehen für eine Facette jener Filme, die ihn geprägt haben. Und tragen gleichzeitig dazu bei, dass jede Begegnung ihre eigene Identität bekommt. Besonders aber die Auftritte von Genre-Legenden wie Sonny Chiba und Gordon Liu verleihen dem Film zusätzlich eine besondere Aura. Nicht nur als Figuren innerhalb der Geschichte. Sondern auch als lebendige Verweise auf jene Filmtraditionen, aus denen sich „Kill Bill“ speist.

Die Inszenierung von „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ – ein stilistisches Feuerwerk

O-Ren Ishii und Die Braut stehen sich in einem verschneiten Garten gegenüber, bereit zum Kampf | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Eine der vielen Hommagen im Film: „Lady Snowblood“ — Kill Bill: The Whole Bloody Affair | 2004 © A Band Apart | Lionsgate
Werbeanzeige für Eastern- und Martial-Arts-Filme: Im Zentrum eine dynamische Illustration eines kämpfenden Martial-Arts-Künstlers in stilisierten Pinselstrichen. Rechts daneben steht deutscher Werbetext, der eine kuratierte Auswahl an Eastern-Filmen bei Thalia ankündigt. Unten befindet sich ein „Shop Now“-Hinweis sowie das Thalia‑Logo.

Inszenatorisch ist „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ein Film der Extreme – und genau darin liegt seine größte Stärke. Was hier aufeinandertifft, dürfte in dieser Form eigentlich nicht funktionieren, fügt sich aber dennoch zu einem erstaunlich stimmigen Gesamtbild zusammen.

Die erste Hälfte gleicht dabei einem kreativen Rausch. Laut, verspielt, voller Energie und visueller Ideen. Tarantino lässt seiner Liebe zum Genre-Kino freien Lauf, kombiniert unterschiedlichste Stile, Einflüsse und Tonalitäten. Er kreiert ein wahres Feuerwerk aus Bildern, Bewegungen und Momenten. Die zweite Hälfte schlägt hingegen einen ruhigeren Ton an. Sie nimmt Tempo heraus, fokussiert sich stärker auf die Figuren und die Geschichte und wirkt dadurch fast wie das notwendige Gegengewicht zur stilistischen Eskalation zuvor.

Dabei bedient sich Tarantino ganz bewusst an den verschiedensten filmischen Traditionen. Spaghetti-Western, Martial-Arts-Filme, Samurai-Kino, Exploitation-Werke. „Kill Bill“ ist kein Film mit einer klaren eigenen Handschrift, sondern vielmehr eine Collage aus vielen unterschiedlichen. Und doch entsteht gerade aus diesem scheinbaren Stilbruch etwas Eigenständiges. Ein Film, der nicht trotz, sondern wegen seiner Einflüsse funktioniert.

Auch musikalisch setzt Tarantino genau hier an.

Zwei Silhouetten, eine Frau und ein Mann machen eine Kampfpose vor einem roten Hintergrund  | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Stilistische Kreativität wie hier sind ein Merkmal Tarantinos — Kill Bill: The Whole Bloody Affair | 2004 © A Band Apart | Lionsgate
Das Bild ist eine Werbeanzeige zu "Karate Kid" DVDs und Blurays auf Thalia

Der Soundtrack folgt keinem einheitlichen Stil, sondern greift – ganz im Sinne der Inszenierung – auf die unterschiedlichsten Quellen zurück. Western-Klänge treffen auf asiatische Einflüsse, ruhige, fast melancholische Stücke auf treibende, energiegeladene Tracks. Oft bewusst kontrastierend eingesetzt, verstärkt die Musik nicht nur die Wirkung einzelner Szenen. Sondern sie verleiht dem Film eine zusätzliche emotionale Ebene, die sich tief ins Gedächtnis einprägt.

Denn obwohl hier so viele Elemente zusammenkommen, dass das Ganze jederzeit zu kippen droht, gelingt es Tarantino erstaunlich mühelos, alles zu einem großen Ganzen zu verbinden. Die Übergänge wirken fließend, die Stilwechsel bewusst gesetzt, nichts fühlt sich beliebig an.

Das zeigt sich auch in der Action, die von niemand Geringerem als Yuen Woo-Ping choreografiert wurde. An die Werke der Shaw Brothers angelehnt und mit Einflüssen aus unzähligen anderen asiatischen Filmen versehen, ist die Action brachial, präzise und tief in den Traditionen des Martial-Arts-Kinos verwurzelt. Und das zeigt sich eindrucksvoll in einer ganz besonderen Sequenz, die in dieser Fassung nun in ihrer vollen Brillanz bestaunt werden kann.

Eine Szene für die Ewigkeit – Wenn die Hommage selbst zu Kult wird

Die Braut wird umzingelt von einer Gruppe an Schwertkämpfern, wir sehen die Szenerie aus der Vogelperspektive
Die Braut steht mit gezücktem Schwert vor 6 Kämpfern der Crazy 88
Gogo hält ihren Morgenstern und winkt in die Kamera
Die Braut und Gogo stehen sich gegenüber, die Braut mit einem Schwert, Gogo mit einem Morgenstern
Zwei Silhouetten mit gezückten Schwertern stehen sich vor einem blauen Hintergrund gegenüber

Denn es gibt eine Sequenz, die „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ in seiner Essenz greifbar macht: den Showdown im Haus der Blauen Blätter.

Schon in der Kinofassung gehörte dieser Abschnitt zum Besten, was Tarantino je inszeniert hat. Eine Szene, die sich über einen außergewöhnlich langen Zeitraum erstreckt und dabei dennoch nie an Dynamik verliert. Ein Crescendo aus Spannung, Bewegung und Eskalation, das den Film auf einen Höhepunkt treibt, der kaum zu überbieten scheint.

In „The Whole Bloody Affair“ erhält diese Sequenz nun eine neue Dimension. Vor allem durch die Entscheidung, sie vollständig in Farbe und ungeschnitten zu zeigen. In der Kinofassung wurde ein Teil des Kampfes bekanntlich in Schwarz-Weiß gehalten. Nicht zuletzt, um die extreme Gewaltdarstellung zu entschärfen und einer Kürzung zu entgehen. Eine Lösung, die der Szene eine ganz eigene, fast schon kunstvolle Ästhetik verlieh.

Und genau hier liegt eine der spannendsten Beobachtungen: Beide Versionen funktionieren. In Schwarz-Weiß wirkt die Sequenz stilisierter, distanzierter, beinahe wie elegantes Kunstkino. In Farbe hingegen tritt die rohe, fast schon comichafte Brutalität stärker in den Vordergrund. Und mit ihr auch der Hommage-Charakter, der sich nun noch deutlicher entfaltet.

Denn wie der Film selbst ist auch diese Szene ein Mosaik aus Einflüssen. Sie bündelt all das, was „Kill Bill“ ausmacht: die präzise choreografierte Action, die – unter der Leitung von Yuen Woo-Ping – gleichzeitig brachial und tänzerisch wirkt, die verspielten Einfälle, die ikonischen Momente und nicht zuletzt die visuelle Experimentierfreude.

Dabei folgt die Sequenz einem eigenen, fast schon filmischen Aufbau.

Sie beginnt mit einer ruhigen Etablierung des Settings, lässt uns das Haus der Blauen Blätter kennenlernen. Sie zeigt, wer sich dort aufhält und wie Kiddo in diese Welt eintritt. Die Spannung steigt schrittweise, die Eskalation kündigt sich an – bis sie schließlich mit voller Wucht ausbricht und in einem nahezu unaufhaltsamen Strom aus Bewegung und Gewalt mündet.

Von atemberaubenden Kamerafahrten über das eindrucksvolle Spiel mit Licht und Schatten bis hin zu humorvollen Einschüben – diese Sequenz bietet eine Fülle an Eindrücken, die sich kaum vollständig erfassen lässt. Der Kampf gegen Gogo, das Abschlachten der Crazy 88, das Aufeinandertreffen mit Johnny Mo – und all das gipfelt in einem Moment, der die Szene noch einmal auf eine andere Ebene hebt: dem finalen Duell mit O-Ren Ishii. In einer fast schon ruhigen, von Schnee und Stille getragenen Kulisse schlägt die Inszenierung einen Ton an, der unverkennbar an „Lady Snowblood“ erinnert – eine der deutlichsten und zugleich schönsten Verbeugungen innerhalb eines ohnehin schon hommagegetränkten Films.

So wird der Kampf im Haus der Blauen Blätter zu weit mehr als nur einer Actionsequenz. Er ist ein Kondensat des gesamten Films. Ein Zusammenspiel aus Stil, Einfluss und Leidenschaft, das exemplarisch zeigt, was Tarantino ausmacht.

Und genau deshalb funktioniert diese Szene auch unabhängig von all ihren Referenzen. Sie ist nicht nur eine Ansammlung von Zitaten, sondern ein eigenständiges Erlebnis – eines, das für sich genommen begeistert und gleichzeitig mit jedem wiederholten Sehen noch weiter wächst.

Es ist diese Sequenz, die sich endgültig ihren Platz unter meinen liebsten Actionmomenten der Filmgeschichte sichert.

Fazit zu „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“

Uma Thurman liegt auf dem Boden schaut mit zerschundenem Gesicht nach oben in die Kamera, das Bild ist in Schwarz-Weiß | Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Diese Frau verdient ihre Rache! — Kill Bill: The Whole Bloody Affair | 2004 © A Band Apart | Lionsgate
Passion of Arts Dein Fenster zur Filmkunst. Spendabler Kaffee.

Bleibt am Ende die entscheidende Frage: Braucht es „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ wirklich?

Für mich ist die Antwort klar: Ja – vor allem für Fans.

Der Film wirkt durch diese Fassung nicht grundlegend neu, aber deutlich runder. Die Stärken treten noch klarer hervor, während die Schwächen – insbesondere das etwas träge Pacing der zweiten Hälfte – spürbar an Gewicht verlieren. Was zuvor wie zwei sehr unterschiedliche Filme wirkte, fügt sich hier endlich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen.

Dabei bleibt die erste Hälfte genau das, was sie schon immer war: ein kreatives, kompromissloses Feuerwerk, das für sich allein bestehen kann. Doch gerade die zweite Hälfte gewinnt in dieser Version enorm hinzu. Eingebettet in den neuen Erzählfluss wirkt sie weniger wie ein Bruch und mehr wie das notwendige Gegengewicht – als ruhigerer, aber essenzieller Bestandteil eines größeren Ganzen.

„Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist damit nicht die radikale Neuerfindung, die man vielleicht erwarten könnte. Aber sie ist genau das, was diesem Werk lange gefehlt hat: ein Gefühl von Vollständigkeit.

Und genau deshalb hat sich das Warten gelohnt.

Aber wie seht ihr das? Habt ihr diese Fassung schon gesehen?

Werdet ihr euch „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ anschauen?


TRAILER: © Studiocanal Germany | Arthouse

Informationsposter zu „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ auf einem hölzernen Hintergrund. Umgeben von weißen Federn, einer Filmklappe und einer Schale Popcorn sind detaillierte Filmdaten angeordnet: Titel, Produktionsländer, Sprachen, Laufzeit, FSK, Crew‑Angaben, umfangreiche Besetzungsliste, Genrezuordnung sowie eine Bewertung von 9,5 von 10 Punkten. Das Layout wirkt wie eine stilisierte Filmübersicht im Flatlay‑Stil.

Ein Mann mit Bart, Sonnenbrille und schwarzer Cap hält eine Bulldogge im Arm. Er trägt einen orangefarbenen Hoodie mit schwarzem Schriftzug. Im Hintergrund ist eine hügelige Landschaft mit kahlen und immergrünen Bäumen unter blauem Himmel zu sehen.

 

Transparenzhinweis: Affiliate-Programme
Wir möchten dich darüber informieren, dass wir an Affiliate-Programmen teilnehmen. Das bedeutet, dass wir eine kleine Provision erhalten können, wenn du über einen unserer Links Produkte oder Dienstleistungen kaufst. Für dich entstehen dabei keine zusätzlichen Kosten – der Preis bleibt derselbe.

Durch diese Unterstützung können wir unsere Inhalte weiterhin kostenlos zur Verfügung stellen und stetig verbessern. Vielen Dank, dass du uns auf diese Weise hilfst!

Dir gefällt was wir machen? Dann supporte uns! Kommentiere, teile und like unsere Beiträge auch in Social Media. Mit deiner Unterstützung sorgst du dafür, dass die Seite weiter betrieben werden kann.

Weitere Meinungen aus der Redaktion zu „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“:


„Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist ein Paradebeispiel dafür was vielen (aktuellen) Filmen fehlt: Vielfalt und der Mut beziehungsweise das Selbstbewusstsein das Medium in all seinen Facetten zu nutzen. Kiddos Rache Epos spielt mit immens vielen Stilistiken, visuell wie auditiv und katapultiert die prinzipiell simple Story die eigentlich nicht 253 Minuten rechtfertigen würde in Sphären in denen 253 Minuten grade mal das Minimum sind. Uma Thurmans Präsenz trägt dann den Rest bei.

– Rick


„Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist für mich die am stärksten Tarantino’eske Version dieses Films. Noch blutiger und brutaler. Besonders auch das Schwarz-Weiß beim Kampf gegen die Crazy 88 zu streichen gibt dem ganzen mehr Wucht und Explizität. Der Übergang zu Teil 2 ist auch deutlich flüssiger, da wir nun keine Vorschau bzw. Einleitung mehr brauchen und schon gar keine kurze Spoilerszene.
Kurzum: „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist einfach 100% Quentin Tarantino und das ist auch sehr gut so!

– Maddin


Pressestimmen zu Kill Bill: The Whole Bloody Affair

Christian Neffe von Kino-Zeit.de
War Tarantino schon zuvor ein Style-is-the-Substance-Filmemacher, gab er sich nun völlig dem inszenatorischen Exzess hin, der nichtsdestotrotz in einem höchst emotionalen, kathartischen finalen Akt mündete. All das reißt in seinem Wechsel aus dynamischen und ruhigen, dialoggetriebenen Sequenzen, in seinem unbedingten Stilwillen, in seinen großen Momenten und kleinen Details heute noch genauso mit wie damals – und ist mit seinem emanzipatorischen Empowerment-Plot nicht minder relevant. Die Vermählung der zwei Einzelfilme führt mit 20 Jahren Abstand überdies nochmals vor Augen, wie wichtig Kill Bill in Tarantinos Werkbiografie war.

Klaus Kainz von Helden der Freizeit
Wie viele andere Klassiker ist Kill Bill nun auf eine hohe Auflösung poliert worden. Besonders Vorführungen mit 30 und 70 Millimeter Filmstreifen betonen die poppigen Bilder von Kill Bill besser denn je. Wüsste man es nicht besser, hätte der Film auch erst in diesem Jahrzehnt erscheinen können.

Sebastian Groß von Moviebreak
Als zusammenhängendes Epos entfaltet „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ eine beeindruckende Sogwirkung, die Tarantinos virtuosen Genre-Mix noch einmal besonders klar hervortreten lässt. Die Erweiterungen fügen sich stimmig ein, verändern das Werk jedoch kaum grundlegend – mehr „nice to have“ als essenziell.

Pressematerial: Kill Bill: The Whole Bloody Affair | 2004 © A Band Apart | Lionsgate

Das könnte dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Technische Umsetzung durch die Internetagentur SEO Lausitz. Professionelles Webdesign in der Oberlausitz für Löbau, Bautzen, Görlitz und Zittau!