William Shakespeare machte sich mit 154 Sonetten, 6 Versdichtungen und 38 Bühnenstücken im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert einen Namen. Wir alle kennen seine bekannten Werke, wie Romeo & Julia, Macbeth, Othello, König Lear und auch Hamlet. Letzteres genanntes Werk entstand wohl aus der Trauer um seinen einzigen Sohn Hamnet heraus. Der Junge erlag im Jahr 1596 vermutlich an der Pest. Filmregisseurin Chloé Zhao, bekannt für Filme wie The Rider, Eternals und Nomadland nahm sich des Stoffes an und schuf ein Meisterwerk der Filmkunst. In drei Akten erzählt sie eine herzergreifende Geschichte, die das Publikum fesselt, begeistert, bewegt und zu Tränen rührt.
Wie das Zusammenspiel von Mystik, Familiendynamik und historischen Bezügen funktioniert und warum Hamnet zu den eindrucksvollsten Filmen des Jahres zählt, erfahrt ihr in der vollständigen Kritik.
Ein Beitrag von: Riley Dieu Armstark
Worum geht es in Hamnet?
Hamnet ist ein Filmdrama von Chloé Zhao, das auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell basiert. Im Mittelpunkt stehen William Shakespeare (Paul Mescal) und seine Ehefrau Agnes (Jessie Buckley). Sowie ihre Familie, deren Leben durch persönliche Herausforderungen geprägt ist. Der Film spielt im England des 16. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund von Shakespeares aufkeimender Karriere und dem ländlichen Leben in Stratford-upon-Avon. William Shakespeare ist ein aufstrebender Dramatiker, während Agnes als starke, rätselhafte Figur die Familie zusammenhält. Gemeinsam erleben sie die Höhen und Tiefen des Lebens. Während sie ihre Kinder Susanna (Bodhi Rae Breathnach), die Zwillinge Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe) großziehen.
Hamnet: vom Roman zum Film
Hamnet basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell und ist folglich nicht als genuin autobiografisches Werk zu verstehen. Die erzählerische Interpretation bewegt sich vielmehr in einem weitgehend freien, fiktionalisierten Rahmen. Und erhebt weniger den Anspruch auf strikte historische Authentizität als auf literarische Verdichtung. Der Roman wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Critics Circle Award for Fiction sowie dem Women’s Prize for Fiction. Darüber hinaus existiert eine Bühnenadaption, die ihre Premiere bei der Royal Shakespeare Company feierte und bis Februar 2024 im Garrick Theatre im Londoner West End aufgeführt wurde.
Das Drehbuch zu Hamnet entstand in Zusammenarbeit zwischen Maggie O’Farrell und der Oscar-prämierten Regisseurin Chloé Zhao. Der Film markiert den mittlerweile fünften Spielfilm der in den USA tätigen chinesischen Filmemacherin. Ursprünglich war Sam Mendes für die Regie vorgesehen, der letztlich jedoch gemeinsam mit Pippa Harris, Liza Marshall und Steven Spielberg als Produzent in Erscheinung trat.
Figuren und Schauspiel
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In einem Interview mit The Spot Mediafilm schilderte Chloé Zhao, wie die Lektüre des Romans ihr ein völlig neues Bild von William Shakespeare eröffnete. Bis dahin habe sie den Schriftsteller stets als Angehörigen einer gehobenen gesellschaftlichen Klasse wahrgenommen. Diese Perspektive verschob sich jedoch grundlegend mit dem Wissen um Shakespeares tatsächliche Herkunft: dass er aus einfachen Verhältnissen stammte und der Sohn eines Handschuhmachers war. So zeichnet sie William Shakespeare als einen bodenständigen, kräftigen jungen Mann stets mit dem Blick auf das Unbekannte und Intellektuelle. Paul Mescal verkörpert diesen Charakter mit Bravour und kristallisiert seine Stärken und Schwächen heraus. Ein Magier mit Papier und Feder, der geschickt die richtigen Worte findet um seiner Gefühle Ausdruck zu verleihen. Doch im Umgang mit Menschen eher zurückhaltend, schüchtern und oftmals verunsichert.
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»Sein oder Nichtsein,
– aus William Shakespeares Hamlet
das ist hier die Frage«
Mescals Spiel ist nuanciert, emotional und authentisch. Das Publikum hängt von Anbeginn mit Faszination an seinem Charakter, der sich zunächst gar nicht als der große Schriftsteller offenbart. Der Fokus liegt jedoch stärker auf Agnes (gespielt von Jessie Buckley), einer sehr mystische Figur, die das Herzstück des Films prägt. Für ihre Darstellung wurde Buckley bei den diesjährigen Golden Globe Awards als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Sie verkörpert die Figur mit jeder Pore und jedem Atemzug und schafft es, das Publikum in jeder Szene emotional abzuholen. Von den stillen Momenten im Wald, im Einklang mit der Natur, über die sanfte Verliebtheit mit William bis hin zu den Herausforderungen ihrer Rolle als Mutter. Jessie Buckley wächst förmlich in die Rolle hinein, ebenso wie Agnes in ihre Rolle innerhalb der Familie.
Neben Paul Mescal und Jessie Buckley überzeugt auch der Rest des Ensembles durchgehend. Selbst die Kinderdarsteller:innen können neben Schauspielgrößen wie Emily Watson brillieren. Besonders Jacobi Jupe, der den Titelhelden Hamnet verkörpert, zeigt ein bemerkenswertes Talent, jede Szene punktgenau zu tragen. Sein Spiel ist nuanciert, emotional und erstaunlich reif für sein Alter, wodurch er die Figur glaubwürdig und eindringlich zum Leben erweckt. Den emotionalen Höhepunkt des Films setzt schließlich sein Bruder Noah Jupe, der bei der Theateraufführung im Film die Rolle des Hamlet verkörpert und das Publikum mit auf einen bewegenden Höhepunkt nimmt.
Die visuelle Ästhetik von Hamnet
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Neben dem großartigen Ensemble beeindruckt auch die visuelle Ästhetik des Films. Durch die tiefe Naturverbundenheit von Agnes (Jessie Buckley) erhält Hamnet nicht nur emotionale Präsenz, sondern auch einen Hauch von Folklore. Der Film besticht durch fantastische Naturaufnahmen, die an Werke wie You Won’t Be Alone (2022), Harvest (2024), Hagazussa – Der Hexenfluch (2017), Midsommar (2019) oder The Witch (2015) erinnern. Dass Chloé Zhao ein feines Gespür für visuelle Gestaltung besitzt, zeigte sich bereits in ihrem Werk The Rider.
Kameramann Łukasz Żal ergänzt dies mit einem bemerkenswerten Talent für poetische Bildkompositionen, die Natur, Folklore und die subtilen menschlichen Emotionen gleichermaßen eindrucksvoll einfangen. Jede Einstellung wirkt sorgfältig arrangiert, als führe sie das Publikum sanft in die poetische, zugleich bodenständige Welt von Hamnet, in der Landschaft, Kulissen und Licht die erzählerische Dichte tragen. Stellenweise erinnert die Bildgestaltung an Ingmar Bergman, insbesondere an Fanny und Alexander (1982), bei dem Licht, Farben und Komposition die innere Welt der Kinder eindrucksvoll spiegeln.
Ebenso eindrucksvoll sind auch die Kostüme und das Szenenbild, für das sich die Australierin Fiona Crombie verantwortlich zeigte. Für ihre Arbeit für The Favourite – Intrigen und Irrsinn (2018) erhielt sie eine Oscar-Nominierung.
Dramaturgie
Der Film ist in drei Akte unterteilt. Zu Beginn wird das Publikum behutsam an die Charaktere herangeführt und die Liebe zwischen William (Paul Mescal) und Agnes (Jessie Buckley) wird aufgebaut. Herzlich, liebevoll und unschuldig. Gleichzeitig ist bereits eine mystische Präsenz spürbar, die das junge Glück auf subtile Weise überschattet. Im Mittelteil liegt der Fokus auf dem Familienleben und der Nähe zwischen den Figuren. Szenen von Wärme und Alltäglichkeit werden von unterschwelligen, düsteren Akzenten begleitet, die eine leise Spannung erzeugen.
»Und der Rest
– Hamlet in William Shakespeares gleichnamigen Stück
ist Schweigen.«
Im letzten Akt verschiebt sich der Grundton des Films nochmals grundlegend. Eine dichte, beinahe greifbare Atmosphäre, durchdrungen von Trauer und Verlust, dominiert die Inszenierung, während die visuelle Gestaltung das Publikum in eine eindrucksvolle, traumartig verhangene Welt entführt, die lange nachwirkt. Während die ersten beiden Akte eher kontemplativ und ästhetisch fokussiert im gemäßigten Rhythmus erzählt werden, gewinnt das Pacing im finalen Akt merklich an Dynamik. Wo die anfänglichen Episoden wie ein stiller, behutsamer Spaziergang erscheinen und die Lauflänge gelegentlich spürbar wird, entfaltet sich der letzte Akt wie ein impulsiver, leidenschaftlicher Ritt, der in einem emotionalen Höhepunkt kulminiert.
Fazit zu Hamnet
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Hamnet ist ein filmisches Gesamtkunstwerk, das Historie, Familiendrama und Mystik auf beeindruckende Weise miteinander verwebt. Chloé Zhao gelingt es, eine zutiefst menschliche, emotionale Geschichte zu erzählen, die durch nuanciertes Schauspiel, insbesondere von Jessie Buckley und Jacobi Jupe getragen wird. Die visuelle Gestaltung, poetische Bildkompositionen und detailreiche Ausstattung entführen die Audienz in eine eindrucksvolle, zugleich bodenständige Welt. In seiner Dreiteiligkeit entfaltet der Film eine Spannungs- und Emotionskurve, die von zarter Intimität über unterschwellige Bedrohung bis hin zu tragischer Dichte reicht. Hamnet ist nicht nur eine Hommage an William Shakespeare und seine Familie, sondern auch ein Meisterwerk der modernen Filmkunst, das nachhaltig berührt und besonders emotional noch lange nachwirkt.
Werdet ihr euch Hamnet ansehen?
TRAILER: © Focus Features | Universal Pictures



»If you ride like lightning,
you’re gonna crash like thunder.«
– The Place Beyond the Pines –
RILEY – Chief Editor
Queerer, professioneller Filmhasser & Arthouse Geek. ✨🌈💜
Ich blogge seit dem 14. Dezember 2014 auf passion-of-arts.de. Schon in meiner Jugend schrieb ich viele Gedichte und Kurzgeschichten. Seit mehreren Jahren widme ich mich professionell Filmrezensionen und war Guest Writer bei der Filmblogseite „We eat Movies“. Außerdem verfasste ich einige Artikel für das 35 MM Retro-Filmmagazin. Ich sterbe für Musik und gehe liebend gerne ins Kino, außer in 3D. TV ist überbewertet, ich gucke lieber DVD, Streaming oder Bluray.
Meine Lieblingsfilme sind unter anderem „La La Land“, „Barbie“ und „Blade Runner 2049“.
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Weitere Meinungen zu Hamnet aus der Redaktion
»Hamnet ist nicht meine Art von Film und auch kein Film, der mich jemals groß begeistern wird, aber es ist ein Film, der mich gegen Ende mehr erreichte als erwartet und mehr überzeugte als gedacht.«
– MARTIN
»Überaus spannend und tatsächlich erinnerungswürdig wird Zhaos Werk aber dann, wenn die schwer greifbare, visuell und auditiv präsentierte Ebene einer Art Übernatürlichkeit hinzukommt. Denn dann schwingt in „Hamnet“ ein geisterhaftes Epos mit, dass anspannt, fasziniert und auf eine seltsam undurchsichtige Art einnimmt.«
– RICK
Pressestimmen zu Hamnet
Sebastian Gerdshikow von Going to the Movies
Auf jeden Fall hat mich „Hamnet“ ein bisschen unbefriedigt zurückgelassen – obwohl das auch das falsche Wort ist. Wahrscheinlich wurde mir der Film wieder zu „overhyped“, weswegen ich mehr erwartet hatte. Gerade das Finale fand ich wirklich toll, aber es bleibt mir am Ende zu sehr Biopic. 7 von 10 Punkte.
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Marius Joa von Viergaugen Kino
Bodenständig inszeniert, eindringlich gespielt, aber inhaltlich eher plump konstruiert. 7 von 10 Punkten.
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Yannick Vollweiler von film-rezensionen.de
Chloé Zhao liefert mit „Hamnet” ein emotional einnehmendes und exzellent inszeniertes Drama, das trotz seiner shakespearesken Thematik und Theatralik seine eigene Identität behält. Die fiktionale Vorgeschichte über die Inspiration für „Hamlet, Prinz von Dänemark“ funktioniert auf der großen Leinwand ebenso wie im Theater und ist gleichzeitig für ein breites Publikum zugänglich gestaltet. 9 von 10 Punkte.
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Dietmar Kanthak von epd-film
Mit poetischen Bildern adaptiert Chloé Zhao den gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell, der kunstvoll von William Shakespeare und seiner Ehefrau Agnes erzählt, die den Tod ihres Sohnes verarbeiten müssen. 5 von 5 Sterne.
Pressematerial: Hamnet | 2026 © Focus Features | Universal Pictures












Ein Kommentar
Es freut mich sehr, dass dich der Film so begeistern konnte. Würde mir wünschen, mich hätte er auch so sehr abgeholt.
Am Ende ist dies einer jener Filme, die ich voll und ganz respektiere und dafür schätzen kann, was sie machen, denn wie du sagst, der Film ist auf allen Ebenen eigentlich hervorragend. Aber leider konnte er mich emotional nicht ganz so erreichen, wie erhofft. Erst im letzten Abschnitt schaffte der Film es, mich mehr zu berühren, davor hab ich das alles interessiert, aber auch distanziert beobachtet.
Schauspiel, Bilder, Score, etc, das alles ist großartig und brillant inszeniert, am Ende war ich aber zu wenig involviert, um es komplett fühlen zu können.