Der geheimnisvolle Blick des Flamingos – Filmkritik

Das Bild ist das Titelbild zur "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" Filmkritik

Mit „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ startete nun klammheimlich ein möglicher Oscaranwärter in den Kinos. Das Arthouse-Drama, welches sich mit AIDS und dem Blick der Gesellschaft auf queere Menschen auseinandersetzt, wurde von Chile als Oscar-Beitrag gewählt. Ob der Film von Diego Céspedes aber auch wirklich nominiert wird, muss sich erst noch zeigen. In dieser Filmkritik verrate ich Euch, wie ich die Chancen dafür einschätze und ob sich die Sichtung überhaupt lohnt. Zudem gehe ich am Ende noch kurz auf die Umstände der Sichtung ein.

Ein Beitrag von: Florian

Worum geht es in „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“?

1982: Lidia (Tamara Cortés) lebt mit Flamingo (Matías Catalán) und ihrer Familie, die eine kleine Bar am Rand einer Bergbaustadt in der nordchilenischen Wüste betreibt. Als sich eine unbekannte tödliche Krankheit auszubreiten beginnt, entsteht das Gerücht, sie könne allein durch den Blick eines queeren Menschen auf einen anderen Mann übertragen werden. Die Familie wird beschuldigt, der Ursprung der Krankheit zu sein. Lidia begibt sich auf eine Suche nach der Wahrheit, die sie mit Angst, Misstrauen und gesellschaftlichen Vorurteilen konfrontiert.

Eine Zeitreise in die 80er Jahre

Das Bild zeigt Tamara Cortés und Matías Catalán in einer Szene des Films Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
Lidia (Tamara Cortés) und Flamingo (Matías Catalán) sind eine Familie — Der geheimnisvolle Blick des Flamingos | 2025 ©Filmreederei
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Mit rawpixel.com erstellt

Die Geschichte von „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ ist im Jahre 1982 angesiedelt. Filme, die in der Vergangenheit spielen und versuchen diesen Look zu imitieren sind dabei nicht neu. Dennoch gelingt es Diego Céspedes einen Schritt weiterzugehen, als es sonst üblich ist. Das liegt auch daran, dass kaum bekannte Darsteller verpflichtet wurden. Alleine dieser Umstand ist in vielen Filmen schon Grund genug, um eine Immersion nie aufkeimen zu lassen.

Eventuell hat „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ den Vorteil, dass chilenische Darsteller hierzulande generell unbekannt sind. Doch daran liegt es nicht. Die Hauptrollen sind hauptsächlich mit Newcomern besetzt, die erst sehr wenige Rollen hatten. Im Anschluss muss nur noch der Look gelingen. Dabei erlaubt sich der Film dann keine Fehler. Die Bilder erstrahlen in einer wunderbaren Körnigkeit, wodurch die Zeitreise in die 80er Jahre perfekt ist. Generell verdient die famose Kameraarbeit eine Erwähnung. Immer wieder entstehen Bilder, welche in ihrer Ausdrucksstärke die Aussagen des Films wunderbar zu untermauern wissen.

„Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ etabliert seinen eigenen Mikrokosmos

Daran, dass diese Zeitreise funktioniert, hat aber mit Sicherheit noch eine andere Entscheidung ihren Anteil. Céspedes hält die Welt, von der er erzählt ganz bewusst klein. Es handelt sich hierbei förmlich um einen Mikrokosmos. Ein Haus in dem eine große queere Gemeinschaft lebt und die endlos scheinende Wüste drumherum. Abgesehen von kleinen Ausflügen zu einem noch kleiner wirkenden Dorf, bleibt sich der Film dieser Eingrenzung treu.

Das erlaubt es in die Tiefe zu gehen und die Gemeinschaft im Mittelpunkt näher zu ergründen. Denn hierbei handelt es sich um das Herz des Films. Diese Gemeinschaft wird angeführt von Boa, gespielt von Paula Dinamarca. Boa hat eine ganze Truppe von Transvestiten um sich herum versammelt. Gemeinsam leben sie auf diese Weise etwas abseits der restlichen Gesellschaft. „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ investiert dabei viel Zeit in das Portraitieren dieser Gemeinschaft. Wie leben sie miteinander, wie feiern sie und wie fühlen sie? Auf diese Weise werden die Figuren greifbar und lebendig.

Ein Film voller Widersprüche

Das Bild zeigt Tamara Cortés mit einem Jungen auf einem Moped in einer Szene des Films Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
Das Bild zeigt zwei Transvestiten in einer Szene des Films Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
Das Bild zeigt zwei menschen, eine mit einer Augenbinde, an einem Tisch sitzend in einer Szene des Films Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
Festliches Werbemotiv mit rotem Hintergrund und weißer Schrift: ‚Laut unterm Baum – Die hässlichsten Sweater, die rundsten Kugeln oder die ersten Geschenke: Hier findest du alles, was dein sinnliches Herz begehrt!‘. Rechts im Bild ein dekorierter grüner Weihnachtskranz mit roter Schleife und Beeren, darunter das Logo von EMP.
Mit rawpixel.com erstellt

Dabei werden neben vielen positiven Emotionen aber auch düstere Momente keineswegs ausgespart. Die Zugehörigen der Gruppe sind Außenseiter, werden von den Minenarbeitern als anders angesehen. Und als in der Umgebung die mysteriöse Krankheit ausbricht und das Gerücht umgeht, diese würde durch Blicke übertragen, droht die Situation sogar kurzzeitig gefährlich zu werden. „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ klammert Diskriminierung und Vorurteile nicht aus, sondern zeigt ihre Folgen. Und gleichzeitig verzichtet der Film auf klare Antagonisten und bricht das übliche Denken in den Kategorien Gut und Böse auf.

Manche Szenen mögen irritieren, nur sollen sie genau das. Céspedes nutzt Widersprüche, um Probleme zu identifizieren und auf deren Komplexität aufmerksam zu machen. Infolgedessen liegen Liebe und Gewalt in diesem Film mehrfach nah beieinander. Zweimal überlappen sich diese beide Komponenten stark und fordern die Zuschauenden heraus. Aus Hass wird Anziehung, aus Angst Zusammenhalt. Nur weil Flamingo biologisch ein Mann ist, heißt das nicht, dass Flamingo nicht trotzdem eine Mutter für Lidia sein kann. Geschickt werden Schubladen und feste Kategorien des Denkens aufgebrochen. Am schönsten wird dies in der stärksten Sequenz des Films, wenn aus Rache und Blutdurst plötzlich Verständnis wird.

Das Problem der Ziellosigkeit in „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“

Leider tappt der Film aber in die für das Arthouse-Kino übliche Falle. „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ will viel über gesellschaftliche, aber auch persönliche Themen erzählen und tut dies auch im Subtext, sodass die Handlung in Vergessenheit gerät. In der Geschichte passiert sehr wenig. Das ist am Anfang dabei noch recht unproblematisch. Das Publikum erhält die Chance die Lebensweise und den Alltag der Figuren kennenzulernen. Doch der erste Akt endet mit einer Schlüsselszene. Dieser Schlag in die Magengrube müsste der Auslöser für folgende Ereignisse sein.

Nur ist er das nicht. Statt wirklich mit diesem Schock zu arbeiten, dreht sich die Welt und damit der Film einfach weiter, ohne an Tempo oder Intensität zuzunehmen. Die Folge ist vielleicht nicht direkt Langeweile, aber die Ziellosigkeit ist leider recht zäh. Und ärgerlicherweise ändert sich das auch bis zum Ende nicht. Erst in den letzten zehn bis fünfzehn Minuten wird klar, worauf die Geschichte hinausmöchte. Zuvor regiert Unklarheit.

Ein Comig-of-Age Film, der keiner ist

Das Bild zeigt Tamara Cortés mit einem Revolver in einer Szene des Films Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
Lidia (Tamara Cortés) will ihre Rache — Der geheimnisvolle Blick des Flamingos | 2025 ©Filmreederei
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Das liegt nun unter anderem daran, dass „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ deutlich zu viele Figuren besitzt. Beziehungsweise zu vielen Figuren, denen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das wiederum aber auch immer nur punktuell. Anfangs steht Flamenco im Mittelpunkt, im zweiten Akt vermehrt Boa. Nur sind das beides nicht die Hauptfiguren. Zwischenzeitlich hat es den Anschein, als würde gar kein protagonistischer Charakter existieren.

Nur ist dieser durchaus vorhanden. Allerdings findet Lidia immer wieder so im Hintergrund statt, dass sie manchmal fast in Vergessenheit gerät. Dabei ist das hier ihre Geschichte, eine Coming-of-Age Geschichte. Die Erzählung über ein elfjähriges Mädchen, dass klüger und aufgeweckter scheint als viele Erwachsenen. Sie hat mit Ausgrenzung, mit Zugehörigkeit und eigenen Dämonen zu kämpfen, versucht aber einen Weg zu finden, mit allem umzugehen. Tamara Cortés spielt Lidia hervorragend und als lebendige Figur. Gerne hätte man mehr über sie erfahren, sie auf einer Reise begleitet. Doch dafür fehlt „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ ein klarer Plan, was eigentlich erzählt werden soll.

Ein paar Hintergründe zur Sichtung

Ich konnte „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ im Zuge einer Preview am 1. Dezember 2025 sehen. Anlässlich des Welt-AIDS-Tages hatten die AIDS-Hilfe im Kreis Soest e.V. und der Kreis Soest im Kino Kulturhaus Alter Schlachthof Soest eine Vorführung des Films bei kostenlosem Eintritt organisiert. Der Abend sollte ganz im Zeichen der Offenheit stehen.

Aus einem kurzen Nachgespräch im Anschluss an den Film ging hierbei klar hervor, wie eindrücklich das Werk sein kann. Allerdings auch, dass das Drama das Publikum durchaus herauszufordern weiß und somit auch nicht alle durchgängig anspricht. Zur Debatte rund um AIDS leistet der Film aber mit seiner bereits im Titel angedeuteten Märchengeschichte einen wichtigen Beitrag. Es geht um das Bild, welches wir uns von etwas machen, das wir nicht verstehen. Der Nährboden für Ungerechtigkeit und Vorurteile. „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ kann uns mit unserer eigenen Unwissenheit konfrontieren. Denn natürlich kennen sich viele Menschen nicht mit der Krankheit AIDS aus. Doch dann sollte man auch nicht Vorurteilen nachgeben, sondern sich selbst weiterbilden, bevor eine eigene Meinung entsteht.

Fazit zu „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“:

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ ist ein in erster Linie künstlerischer und kraftvoller Film. Zum einen sind die Bilder wunderschön, zum anderen die angesprochenen Themen enorm wichtig. Dabei muss Céspedes nie auf den Holzhammer zurückgreifen, sondern verlässt sich auf ein mündiges und selbstdenkendes Publikum. Gemeinsam mit den vielen interessanten Figuren und einer beeindruckenden emotionalen Bandbreite hätte das hier ein Highlight sein müssen. Wenn Céspedes nur einen klaren Fokus gesetzt hätte, einen klaren Plan aufzeigen würde. So wirkt die Erzählung immer wieder wirr und dreht sich im Kreis. Das schadet dem Film dann leider mehr als man es sich wünscht.

Dennoch möchte ich „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ empfehlen, zumindest einem Publikum, welches Arthouse-Werken nicht abgeneigt ist. Denn dann kann es sein, dass der Subtext und die starken Bilder ausreichen, um die Emotionen, die mich nur punktuell erreichten, durchgängig aufrecht zu erhalten. Die Chancen auf eine Oscar-Nominierung dürften dennoch eher im Außenseiterbereich liegen. Dafür ist der Film dann vielleicht doch wieder zu subtil.

Werdet ihr euch „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ im Kino ansehen?


TRAILER: © Filmreederei

Das Bild listet den Cast und die Crew zum Film "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos"
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Passion of Arts Redaktion Florian

 

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Andere Meinungen zu „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“:

Margarita Eliseeva von cinemaforever.net
[…] Es ist die Magie des Blickes, sei es der eindrucksvolle kinematografische Blick durch die Kamera oder der liebevolle Blick der jungen Lidia auf ihre Wahlfamilie. Denn eine Wahlfamilie kann manchmal viel mehr bedeuten als die gebürtige Familie, die eigene Kinder schlecht behandelt. Im kleinen Bergdorf, umgeben von der queeren Kommune, ist Lidia zu Hause. Nur muss sie sich bereits als Kind mit den harten Fragen beschäftigen, warum Gewalt und Hass oft eine größere Rolle spielen als Liebe und Respekt zu den Mitmenschen. Und warum es ausgerechnet die liebsten Menschen sind, die wegen Gewalt und Krankheiten gehen müssen. Diese Fragen kann zwar kein Film richtig beantworten, jedoch kommt nach dem Kinobesuch von Der geheimnisvolle Blick des Flamingos der große Wunsch auf, den wichtigsten Menschen im eigenen Leben zu sagen, wie sehr man sie schätzt. 7 von 8 Sternen.

Yannick Vollweiler von Film-Rezensionen.de
„The Mysterious Gaze of the Flamingo“ ist eine eindrückliche Allegorie für die AIDS-Epidemie der 1980er Jahre, anhand eines kleinen chilenischen Dorfs. Durch seinen magischen Realismus transportiert er die Magie seiner eigenen emotionalen Botschaft visuell eindrucksvoll und verwebt typische Tropen des Queer-Kinos wie Ausgrenzung, Familie und Empathie zu einem bewegenden Kinoerlebnis. 8 von 10 Punkten.

Thomas Abeltshauser von epd Film
Bildgestalter Angello Faccini komponiert die Wüstenlandschaft in erdig-staubigen Brauntönen, das 4:3-Format engt die Figuren ein, wie gefangen in den Verhältnissen. Tatsächlich trägt die Kamera den Film stärker als das Drehbuch. Auch Florencia Di Concilios Score, zwischen Melancholie und Pathos, deutet Emotionen an, die das gesprochene Wort selten erreicht. Und zwischen allegorischen Motiven und konkreter Handlung verliert Céspedes gelegentlich den erzählerischen Takt. Einige Sequenzen, besonders im letzten Drittel, wirken überdeutlich symbolisch, als müsse jedes Bild eine Bedeutung tragen. Trotzdem bleibt »Der geheimnisvolle Blick des Flamingos«, der in Cannes mit dem Großen Preis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet wurde, ein bemerkenswertes Debüt voller Sinnlichkeit, Ambivalenz und Hoffnung. Céspedes erzählt queeres Begehren nicht als Leidensgeschichte, sondern als Form der Imagination und des kämpferischen Mitgefühls. 3 von 5 Sternen.

Pressematerial: Der geheimnisvolle Blick des Flamingos | 2025 © Filmreederei

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