Kleine Dinge wie diese – Filmkritik

Das Bild repräsentiert das Titelbild zur Filmkritik des Films "Kleine Dinge wie diese"

Über ein Jahr nach der Deutschlandpremiere erscheint „Kleine Dinge wie diese“ hierzulande auch offiziell. Allerdings nicht im Kino, sondern ausschließlich im Home Entertainment. Und das trotz Cillian Murphy, der erst seit letztem Jahr stolzer Oscar-Preisträger ist, in der Hauptrolle. Es mag daran liegen, dass nicht nur das Thema des Films von Regisseur von Tim Mielants, sondern auch der Film selbst recht sperrig sind. Dennoch ist eine Sichtung des realitätsnahen Historiendramas über ein nicht allzu weit zurückliegendes, dafür aber düsteres, Kapitel Irlands lohnenswert. Genaueres erfahrt Ihr in dieser Filmkritik.

Ein Beitrag von: Florian

Worum geht es in „Kleine Dinge wie diese“?

Der Film „Kleine Dinge wie diese” erzählt die Geschichte von Bill Furlong (Cillian Murphy), einem Kohlehändler in einem kleinen irischen Ort Ende 1985, der kurz vor Weihnachten eine Entdeckung macht: Bei seinen Kohlelieferungen zum örtlichen Nonnenkloster beobachtet er Missstände, die seine Überzeugungen und seine Vergangenheit betreffen. Bill, der mit seiner Ehefrau Eileen (Eileen Walsh) und seinen fünf Töchtern lebt, ist ein einfacher, fleißiger Mann, der kein Aufsehen sucht. Doch als er erkennt, wie sehr das Kloster mit dem Leid junger Frauen – darunter schwangere Frauen ohne Ehe – zu tun hat, gerät er in einen inneren Konflikt: Wie viel kann und darf ein Mann tun, der zwischen seinem Pflichtgefühl gegenüber der Familie, seiner Scham über seine Herkunft und der stillen Erwartung der Gemeinschaft steht?

Ein Film über irische Historie

Cillian Murphy steht vor einem gelben Laster mit dem Rücken zur Kamera. Szene aus dem Film Kleine Dinge wie diese.
Bill Furlon (Cillian Murphy) geht seiner Arbeit als Kohlearbeiter nach — Kleine Dinge wie diese | 2024 ©PLAION PICTURES
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Irland bietet überraschend viel Material für vielschichtige Filme. Insbesondere die Vergangenheit. Dass man dabei sogar ein paar Jahrhunderte zurückgehen kann, bewies das Animationsstudio Cartoon Saloon, welches eine ganze Trilogie um irische Mythen und Sagen produzierte. Filme, wie „Die Melodie des Meeres“, die erfolgreich waren. Dann gibt es aber auch noch die Kriegsthematik. Ein Beispiel wäre „The Banshees of Inisherin“ als Analogie auf den irischen Bürgerkrieg, an dessen Ende die Gründung Nordirlands stand.

Die Autorin Claire Keegan setzt sich ebenfalls mit irischer Historie auseinander. Allerdings auf ganz anderer Ebene. Ihre Geschichten springen oft nur ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit und schildern das Leben der Menschen. So wurde die Erzählung „Das dritte Licht“ erst vor wenigen Jahren als „The Quiet Girl“ sehr erfolgreich verfilmt. Die Geschichte um ein junges Mädchen, dass in den 1980er Jahren einen Sommer bei Verwandten verbringt war herzzerreißend. Nun wurde eine weitere Geschichte von ihr adaptiert, die ebenfalls in den 1980ern spielt. Das ist „Kleine Dinge wie diese“.

„Kleine Dinge wie diese“ porträtiert das ärmliche Leben in der Kleinstadt

Die Geschichte spielt sich im Jahre 1985 in der Kleinstadt New Ross statt. Das Leben dort ist von kärglicher Natur. Die Menschen kämpfen mit der Armut und im Winter mit der Kälte. Die Folge ist ein Leben, das aus endloser Arbeit besteht. Die Eltern schuften, um ihren Kindern ein besseres Leben bescheren zu können als ihr eigenes. Nichts wünschen sie sich für ihre Nachkommen mehr als Bildung und dadurch später gut bezahlte Jobs.

Also geht es auch darum nicht aufzufallen, und wenn dann nur positiv. Denn im Geheimen regiert die katholische Kirche. Sie kontrolliert nicht nur die Bildung, sondern auch die Menschen. Niemand will es sich mit ihrer Macht verscherzen. In der Folge herrscht Demut und Unterwürfigkeit. Auch entscheidet die Kirche über Glück und Hoffnung. So brechen die Bewohner der Stadt nur an Feiertagen, wie Weihnachten aus ihrem Rhythmus aus.

Im Zentrum steht ein Kohlearbeiter

Das Bild zeigt Cillian Murphy in einer Szene des Films Kleine Dinge wie diese.
Cillian Murphy steht im Vordergrund. Im Hinteregrund ist unscharf Emily Watson als Äbtissin zu sehen. Artwork aus dem Film Kleine Dinge wie diese.
Werbeplakat für den Roman Katzentage von Ewald Arenz. Im Fokus steht ein weiß-grauer, blauäugiger Kater, der nach oben blickt. Der Hintergrund ist weich verschwommen. Links im Bild steht ein Text, der die Handlung beschreibt: Zwei Menschen, Paula und Peter, erleben in Würzburg eine unerwartete Reise voller Fragen, Freiheiten und einer erzählenden Katze. Der Roman thematisiert das Glück des Augenblicks. Unten rechts befinden sich das Thalia-Logo und ein Button mit der Aufschrift „SHOP NOW“.

Kleine Dinge wie diese“ folgt nun Bill Furlong. Ein Kohlearbeiter, der Tag und Nacht arbeitet, allerdings nicht am Hungertuch nagt, da er selbstständig ist. Dennoch tut er all dies nur für seine Töchter. Sie sollen es besser haben als er. Denn Bill ist ein Mann, der viel erlebte, der von seiner Vergangenheit geprägt ist. Immer wieder drängt sich diese in seine Gegenwart hinein. Eine Kindheit als Außenseiter und Traumata, die nie überwunden wurden. Letztere sind überaus nahbar, wie ein Weihnachtswunsch, der nie erfüllt wurde. Der Charakter Bill wird auf diese Art in unserer Welt verankert und ist mehr als eine abstrakte Filmfigur.

Daran orientiert sich auch das Spiel von Murphy. Angepasst an den stillen Mann, der in seinen eigenen Gedanken versinkt, nimmt er sich zurück. Es ist wie ein Traumwandeln, von dem die Zuschauenden Zeugen werden. Ruhig und äußerlich kühl schreitet Cillian Murphy durch die Geschichte, ohne viel zu reden oder Emotionen zu zeigen. Gleichzeitig gelingt es ihm aber die innere Zerrissenheit nach außen zu projizieren. Er begeistert mit der Art des Schauspiels, welche ihm nun mal am ehesten liegt. Nuancen in der Mimik, wodurch deutlich wird, dass er innerlich in mehreren Konflikten steht.

„Kleine Dinge wie diese“ verlangt Sitzfleisch

Dieser Ansatz von Tim Mielants, der auf Ruhe und wenig Aufregung aus ist, dürfte für einen Teil des Publikums zum Knackpunkt werden. „Kleine Dinge wie diese“ verlangt nicht einfach nur viel Sitzfleisch, es dürfte sich auch um einen der langsamsten Filme des Jahres handeln. Dabei dauert der Film gerade einmal 98 Minuten an. Diese sind aber vor allem damit gefüllt, dass Cillian Murphys Figur des Bill Furlong durch New Ross geht und fährt. Er schleppt Kohle, liefert Kohle ab und fährt nach Hause. Dort sitzt er im Sessel, geht schlafen, steht mitten in der Nacht auf und fängt wieder an zu arbeiten. Das ist zermürbend, soll es allerdings auch sein.

Der enorme Realismus, der Versuch sich gängigen filmischen Erzählkonventionen zu entziehen, verlangt dem Publikum einiges an Aufmerksamkeit ab. Diese aufrecht zu erhalten ist jedoch leichter getan als gesagt. Denn was hier auf den ersten Blick fehlen mag, sind Konflikte. Man erwartet, dass die Menschen sich streiten, dass Bill irgendwann laut auf das Unrecht aufmerksam macht. Das wird jedoch nicht geschehen. „Kleine Dinge wie diese“ ist in der Lebensrealität von Menschen verankert, denen antrainiert wurde folgsam zu sein. Sie wollen nur überleben und haben gelernt wegzuschauen. Die von Mielants gewählte Umsetzung ist also durchaus berechtigt.

Im letzten Drittel offenbart sich der eigentliche Konflikt

Mehrere junge Frauen betreten bei schneiendem Winter einen Hof. Im Hintergrund steht eine Nonne. Szene aus dem Film Kleine Dinge wie diese.
In den kirchlichen Wäschereien werden junge Frauen ausgebeutet — Kleine Dinge wie diese | 2024 ©PLAION PICTURES

Dennoch nimmt „Kleine Dinge wie diese“ im letzten Akt etwas an Fahrt auf. Über eine Stunde wurden die Figuren und die Stadt etabliert, damit ihre Regeln und Abläufe verständlich sind. Darauf baut Mielants nun auf, wenn er Bill Furlong in den letzten großen Zwiespalt stürzt. Wie allerdings bereits erklärt bleibt auch dieser Konflikt ein stiller. Es ist einer von großer Bedeutung, den Bill jedoch in sich selbst austragen muss. Verändern kann er als Kohlearbeiter ohnehin nichts Sein Ziel besteht darin, so zu handeln, dass er damit leben kann.

Dem Publikum bleibt nichts anderes übrig, als sich nun an die Menschlichkeit von Bill zu klammern. Er ist das Licht der Hoffnung in dieser dunklen Geschichte. Eine Geschichte über gesellschaftliche Ignoranz und Machtmissbrauch der Kirche. Es geht um junge Frauen, die unehelich schwanger werden. Die Nonnen spielen sich als große Retter auf und bieten diesen Frauen Arbeit in ihren Wäschereien an. In Wahrheit beuten sie die Mütter aus und verkaufen deren Kinder ins Ausland. Jeder in der Stadt weiß davon und jeder schaut weg. Das sorgt für Wut bei den Zuschauenden, doch Genugtuung vermag der Film, wie im echten Leben nicht zu geben.

Emily Watson verkörpert die Bedrohung in „Kleine Dinge wie diese“

Trotzdem gelingt es Tim Mielants überraschenderweise in einzelnen Szenen starke Spannungsmomente zu kreieren. Diese hängen mit Unwohlsein und zwischenmenschlichen Spannungen zusammen. Beides ausgehend von der Bedrohung durch die Äbtissin. Im Gespräch mit Bill sind die Rollen klar verteilt. Auch wenn die Geistliche ruhig und freundlich bleibt, ist offensichtlich wer die Trümpfe in den Händen hält und wer Angst hat.

Verantwortlich hierfür ist die Besetzung von Emily Watson als Äbtissin. Sie versprüht eine Bedrohlichkeit und ein Selbstbewusstsein, dass den ganzen Raum vereinnahmt. Watson nutzt ihre schauspielerische Präsenz perfekt aus, um der passiven Aggressivität ihrer Figur Raum zu geben. Daran, dass diese gottesfürchtige Frau gefährlich ist, bleibt trotz kurzer Screentime kein Zweifel.

Eine schöne Antithese hierzu bildet Michelle Fairley, bekannt als Catelyn Stark aus „Game of Thrones“, in der Rolle der Mrs. Wilson. Auch diese Figur tritt nur kurz und in ähnlichem Kontext, wie die Äbtissin auf. Doch so wie Michelle Fairley mit sympathischer Herzlichkeit spielt, so ist auch Mrs. Wilson insgesamt das komplette Gegenstück zur bedrohlichen Äbtissin.

Tim Mielants inszeniert ein außergewöhnliches Stimmungsbild

Das Bild aus dem Film Kleine Dinge wie diese zeigt Emily Watson als Nonne. Sie steht in einer Kirche.
Emily Watson verkörpert als Äbtissin eine ernstzunehmde Bedrohung — Kleine Dinge wie diese | 2024 ©PLAION PICTURES
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Bleibt nun noch die vielleicht größte Stärke von „Kleine Dinge wie diese“ zu erwähnen. Diese liegt in der Inszenierung von Tim Mielants und in der Bildgestaltung. „Kleine Dinge wie diese“ spielt im kalten Winter unter emotional unterkühlten Menschen. Das fangen die klaren Bilder auch ein. Nahezu farblose Felder und Straßen. Graue Kleindung und schwarze Kohle. Gleichzeitig ist aber auch ein Kontrast vorhanden. Das Licht in diesem Film besteht aus einem feurigen Orange. Es bringt nicht nur Farbe, sondern auch unerwartete Wärme in die Geschichte und die Leben der Figuren. Ein Symbol, dafür dass noch nicht alles verloren scheint.

Hinzu kommen bewusste inszenatorische Entscheidungen, welche die Audiovisualität bewusst mit den Figuren verknüpfen. Auf das Gefühlsleben von Bill Furlong zielt daher die Geräuschkulisse immer ganz bewusst ab. Wenn er wieder in Gedanken versinkt und mit eigenen Dämonen kämpft, ist nicht nur die Kamera ganz nah an seinem Gesicht. Das Publikum kann dies auch hören. Plötzlich wird das Rauschen des Feuers immer lauter und die Stimmen um ihn herum leiser. Erzählebene und Audiovisualität gehen Hand in Hand und ermöglichen es den Zuschauenden tief in das gezeigte Leben hineinzutauchen.

Fazit zu „Kleine Dinge wie diese“:

Kleine Dinge wie diese“ nimmt sich einem düsteren Kapitel in der Historie Irlands an und betrachtet dies komplett ohne Sensationslust. Tim Mielants stellt den Realismusgedanken vor die mitreißende Aufregung. Damit stößt er möglicherweise Teile seines Publikums vor den Kopf und lässt seinen Film sperriger werden als er sein müsste. Das Ergebnis ist aber dennoch ein in sich stimmiger Film, mit starken Bildern und Schauspielern, auf den man sich nur einlassen muss. „Kleine Dinge wie diese“ transportiert seine Themen eben mehr über ein Gefühl und seine Atmosphäre als über eine fesselnde Erzählung. Kein zweiter „The Quiet Girl“, aber dennoch unbedingt sehenswert.

Werdet ihr euch „Kleine Dinge wie diese“ ansehen?


TRAILER: ©PLAION PICTURES

Das Bild listet Cast & Crew des Films "Kleine Dinge wie diese" auf

Passion of Arts Redaktion Florian

 

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Andere Meinungen zu „Kleine Dinge wie diese“:

Joachim Kurz von Kino-Zeit
[…] Karges, rußig-graues Arthouse-Kino der introvertierten Art, mit deutlich melancholischem Anstrich und Emotionen, die sich mehr in den Bildern niederschlagen als im Herzen des Publikums. 3 von 5 Sterne.

Cosima Lutz von Filmdienst
[…] Doch Bill ist kein Held der Großtat. Er schleppt Kohlen, weil er muss, er gibt ein paar Münzen, weil er nicht anders kann, und er reicht seine Hand, weil es nicht anders geht. Diese letzte Geste im Film vollführt Cillian Murphy nicht wie ein großer Erlöser von oben herab und auch nicht wie ein Gebrochener bittend hinauf. Er streckt seine Hand einer jungen Frau entgegen, auf Augenhöhe, aus dem Inneren eines warmen Raums. 3,5 von 5 Sterne

Frédéric Jaeger von critic.de
Tim Mielants hat keinen intellektuellen Film gemacht, es gibt Nuancen, aber wenig Ebenen. Und doch widersetzt er sich dem pseudopolitischen Mitfühlwohlfühlpop. Es fühlt sich mysteriös an, aber es ist nicht viel mehr als das: Kleine Dinge wie diese entfaltet einen ziemlich freien Genuss daran, zu sein, was er ist, und zu zeigen, was er zeigt. Weil es so wenig ist, und so wenig Erkenntnis bietet, versperrt es sich dann doch den guten Gefühlen. Es fällt zu leicht, der Widerstand bleibt aus, mein Herz bleibt kalt.

Pressematerial: Kleine Dinge wie diese | 2025 ©PLAION PICTURES

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