Von Italien bis nach Hollywood: Der Einfluss des Italo-Western auf das New Hollywood Kino

Passion of Arts: Der Einfluss des Italo-Western auf das New Hollywood Kino Bud Spencer und Terence Hill stehen neben Clint Eastwood

Header Elements: © Passion of Arts Design | ©Constantin Film | Tobis

Wir alle kennen die klassischen Italo-Western wie “Für eine Handvoll Dollar”, “Sein Name ist Nobody” oder “Django”. Aber wie sehr dieses Genre das Kino geprägt hat, ist bei weitem nicht allen bewusst. Vor allem Quentin Tarantino zeigt noch in seinen Filmen, die Einschlüsse des “New Hollywood Kino”.
Andreas hat sich näher mit dem Thema befasst und teilt mit euch seine Leidenschaft. Außerdem beschreibt er die Geschichte des klassischen Spaghetti-Western und wie er das Kino im Laufe der Jahre prägte.

Die erste Berührung mit Western hatte ich als Kind. Ich sah im Fernsehen die alten John Wayne Filme und Serien wie “Bonanza” und “Unsere kleine Farm”. Wie die meisten Kinder war auch ich immer schnell zu begeistern, aber in diesen Fällen nicht. Diese Art Western animierte mich eher rauszugehen oder etwas zu lesen. Dann sah ich die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill. Filme, wie „Die Rechte und die Linke Hand des Teufels“, oder „Sein Name ist Nobody”, trafen meinen Geschmack. Es war irgendwie so völlig anders als das was ich vorher sah. Lustig, irgendwie böse, es gab jede Menge Schlägereien und Schießereien ohne aufgesetzte Ernsthaftigkeit. Es war alles dreckiger als mein Zimmer. Das war dann meine erste Begegnung mit dem sogenannten Spaghetti-Western.
Als ich dann in das Teenageralter kam und immer mehr in die wunderbare Welt der Videotheken und Filme eintrat, entdeckte ich die düstere, ernsthaftere und zynischere Variante des Spaghetti-Westerns. Zunächst waren es die Filme der beiden Sergios. Sergio Leone und Sergio Corbucci. Auch Corbucci hatte später einige Filme mit Bud Spencer und Terence Hill gedreht wie „Zwei sind nicht zu bremsen.“
Die Western mit dem berühmtesten und prägendsten Duo seit Laurel und Hardy, waren Parodien auf den Western im allgemeinen und Spaghetti-Western im speziellen. „Die Rechte und die Linke des Teufels“ erschien 1970 und da war die große Zeit der Italo-Western schon fast vorbei.

Der Beginn einer großen Ära

Die große Ära begann 1964, mit einem Remake des japanischen Film “Yojimbo” von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1961. Die Rede ist natürlich von „Für eine Handvoll Dollar“ von Sergio Leone. Das Drehbuch wurde innerhalb von zwei Wochen runtergeschrieben, eine sogenannte Low Budget Produktion. Der Hauptdarsteller war irgendein unbekannter US-Amerikaner. Die Musik war irgendwie so anders und gedreht wurde dieser Western auch noch in Spanien. Heute würde man sagen: Ein typisches B-Movie.

Passion of Arts: Clint Eastwood hält eine Zigarette in der Hand im Film "für eine Handvoll Dollar"
“Für eine Handvoll Dollar” macht Clint Eastwood über Nacht zum Superstar Europas — Für eine Handvoll Dollar | 1965 ©Constantin Film

Als er dann in die Kinos kam, wurde er kaum beworben und die Kritiker*innen zerrissen den Film. Allen Beteiligten, einschließlich Sergio Leone, war klar, das wird nichts. Dann kam die große Überraschung. Jede Vorstellung war ausverkauft! Die Leute standen vor dem Kino Schlange um den Film zu sehen. Clint Eastwood, der wieder in den USA war, wurde in Europa zum Superstar, was er erst Tage später mitbekam. Etwa zwei Jahre später, als “Für eine Handvoll Dollar” dann in den USA anlief, geschah genau das Gleiche. Kaum beworben, schlechte Kritiken, riesige Schlangen vor den Kinos, Erfolg. Heute würde man von einem Blockbuster sprechen, den Begriff gab es damals noch nicht.
Somit waren auch die zwei Fortsetzungen beschlossene Sache. Von denen bracht, besonders der 3. Teil, mit dem unglücklichen deutschen Titel, „Zwei glorreiche Halunken,“ nochmals alle Rekorde. Er war anders als alle anderen Western davor und die Filme brachen generell mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Sie hatten schnelle Schnitte, wechselten sehr oft die Kameraperspektive, von Close Ups auf Weitwinkel oder Panorama. Die Darstellung selbst war eher zurückhaltend, es gab wenige Dialoge und keinen strahlenden Helden. Der Hauptprotagonist war ein Antiheld, eine zwielichtige Gestalt mit großer moralischer Flexibilität. Der Antagonist dagegen, war richtig Böse, ohne irgendwelche Grenzen.

Zynismus, Gewaltdarstellungen und ein schweigsamer Rächer prägten die Popkultur

Der Unterton dieser Filme war zynisch, kompromisslos und sie waren für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich brutal, mit expliziten Gewaltdarstellungen. Mit “Django” erhöhte zwei Jahre später Sergio Corbucci die explizite Gewalt. Er schuf einen schweigsamen Rächer der es als Begriff bis in die Popkultur schaffte.
Sein Meisterstück schuf Corbucci im Jahre 1968 mit dem Film „Leichen pflastern seinen Weg.“ Ein Film, der in seiner absoluten Konsequenz bis heute seines Gleichen sucht. Ungewöhnlich war bereits die Kulisse. Eine schneebedeckte Winterlandschaft, der erste Western der im Winter spielt. Herausragend wird der Film durch das pessimistische Ende. Der Bösewicht gewinnt, erschießt alle und reitet dann in den Sonnenaufgang, Ende. Am deutlichsten wird hier die klare Kapitalismuskritik, die allen Italo-Western innewohnt. Der Böse, gespielt von Klaus Kinski, ist ein Kopfgeldjäger, der arme Siedler, die stehlen um zu überleben, für Geld tötet. Er handelt dabei nach Recht und Gesetz, welches das Eigentum vor sozialen Bedürfnissen schützt. Insofern ist es folgerichtig, dass Recht und Gesetz am Ende auch gewinnen.

Wie der Italo-Western das sozialkritische Kino im kalten Krieg populär machte

Der Italo-Western entstand Mitte der 60er bis Anfang der 70er Jahre. Es war eine Zeit des Umbruchs, der Krisen und Konflikte. In Frankreich, Italien und später auch in Deutschland formierte sich eine zunehmend staatskritische und antikapitalistische, Jugend. Diese mündete bis in die 68er Bewegung. Sie begehrte sich gegen alte Strukturen auf und war geprägt vom all überschattenden Konflikt jener Tage, dem kalten Krieg. Auch in den USA entstand ab den 50ern ein immer mehr kritischer Geist, der im Gegensatz zu einem strengen Konservatismus war. Außerdem war er sehr geprägt von der rücksichtslosen Kommunistenjagd der MacCarthy-Ära und dem Korea-Krieg von 1950-1953. Der erste Stellvertreter-Krieg zwischen Ost und West, der eine unmittelbare Konsequenz der Truman-Doktrin war. Er gab vor, die Sowjetunion und die Ausbreitung des Kommunismus auf der Welt einzudämmen. Mündete jedoch 1964 mit der militärischen Intervention der USA in den Vietnamkrieg.

Der Beginn einer Ära von Filmemacher*innen mit eigenen Ideen

Bereits in den 50er Jahren gab es das sozialkritische Kino eines Fred Zinneman oder Sidney Lumet. Die populärsten Filme daraus sind „Zwölf Uhr mittags,“ oder „Die 12 Geschworenen.“ Aber diese Filmen hatten ebenfalls noch einen strahlenden Helden. Die Literatur war in den USA bereits weiter und schuf klare Antiheld*inenn. „Unterwegs,“ von Jack Kerouac, „Der Fänger im Roggen,“ von J. D. Sallinger oder auch die Gedichte von Alan Ginsberg präsentierten solche Antiheld*innen. In dieser Gemengelage kamen auch in den USA immer mehr Filmemacher, die etwas erzählen wollten und sich auch bereits sehr vom europäischen Kino inspirieren ließen. Wie dem italienischen Neo-Realismus oder der Novelle Vague. Filmstile die realistischer, zurückhaltender, kritischer waren und Themen von Relevanz behandelten. Dann kam noch der Italo-Western dazu, dreckig, zynisch, konsequent und mit Mut zu einer gewissen Radikalität.

Das klassische Studiosystem in Hollywood geriet auch immer mehr in eine Krise. Die klassischen Monumentalfilme wurden immer teurer und sprachen immer weniger Publikum an. Die alten Strukturen zerbrachen immer mehr und es wurde Platz für eine neue Generation von Regisseur*innen geschaffen. Diese sollten vom Drehbuch bis zur Inszenierung selbst bestimmen können. Sie hatten den Kopf voller Ideen und sahen alles Mögliche, vor allem aus Europa. Sie saugten alles auf, wie ein Schwamm. Es wurde Platz für eine neue Ära des Kinos: New Hollywood.

Passion of Arts: Jon Voigt und Dustin Hoffman halten eine Kaffeetasse zwischen sich in Asphalt-Cowboy
Rizzo (Dustin Hoffman r.) zieht den ahnungslosen Joe Buck (Jon Voigt) über den Tisch — Asphalt-Cowboy | 1969 ©United Artists

Einer der ersten großen Erfolge dieser Zeit war „Asphalt-Cowboy“ aus dem Jahr 1969 mit Jon Voight und Dustin Hoffman. Inszeniert wurde der Film von John Schlesinger, der in dem Film wenig Hemmungen zeigt. Er stellt Themen wie Homosexualität, Drogenkonsum, männliche Prostitution und die düstere, zynische Seite des „American Way of Life“ dar. Im Zentrum stehen zwei Antihelden. Ein junger Mann aus Texas, der das große Geld sucht, indem er seinen Körper zum Sex anbietet. Auf der anderen Seite ein Kleinganove, der keine Skrupel hat genau das auszunutzen. Der Film war düster, explizit in seiner Darstellung, pessimistisch und kritisch. Er zeigte den Realismus des europäischen Kinos wie der Novelle Vague und die Rohheit des Italo-Western.

Wie der Italo-Western das Kino der 60er Jahre veränderte

Der Western selbst, änderte sich ebenfalls in der gleichen Zeit. Eindrucksvoll wie bei „The Wild Bunch“ von Sam Peckinpah von 1969 zu sehen. Durch seine brutalen Szenen stand der Film auch lange Zeit auf dem Index in Deutschland. Heute mag es eher harmlos erscheinen. Aber Durchschüsse, Blutspritzer und wie in eine Menge friedlicher Demonstranten hinein geschossen wird, erschütterten viele damals. Im Zentrum steht eine Gruppe von Verbrechern welche in die Wirren des mexikanischen Bürgerkriegs hineingezogen wird. Auch da sind alle Elemente des Italo-Western vorhanden, inklusive dem fehlenden Happy End. All diese aufgezeigten Stilmittel finden sich auch immer wieder in den Filmen der anderen großen Vertreter des New Hollywood Kinos. Beispielsweise bei Miloš Formans, „Einer flog über das Kuckucksnest,“ oder Martin Scorseses „Hexenkessel“, sowie „Taxi Driver“.

Mit dem Wegfall des „Production Code“ 1967, der lange Zeit Richtlinien für moralisch richtige Darstellungen in US-Filmen vorgab, war es jungen Filmemacher*innen möglich, freier zu inszenieren. Sie waren geprägt von einer aufwühlenden Zeit, ihre Filme drastischer, düsterer, realistischer und freier. Der Italo-Western, war für viele, wie andere Einflüsse auch, eine entscheidende Inspiration. Leider ist diese, wenn man über New Hollywood redet, oft viel zu unbeachtet.


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ANDREAS – Autor
Ich heiße Andreas, bin 1980 geboren und komme aus dem wunderschönen Ruhrgebiet. Schon als Kind entdeckte ich meine Leidenschaft für den Weltraum und Astronomie. So kam ich dann auch schnell zur Science Fiction, vor allem Star Trek hatte mich dann schnell fasziniert, gerade der gezeigte Entdeckergeist und das humanistische Weltbild.
Natürlich blieb ich nicht nur bei einem Genre. Ich habe viele Interessen, Philosophie, Geschichte, Politik, Psychologie, Ökonomie. Da werden auch die Genres und der Filmgeschmack vielfältiger. Filme sind generell meine große Passion und ich habe auch schon immer gerne geschrieben.
Ich bin Kommunalpolitiker, in der Nachhilfe tätig und kann endlich auch mehr das machen was ich immer schon wollte: Über Filme schreiben.

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8 comments

  1. Auch wenn hauptsächlich die “beiden” Sergios angesprochen werden, möchte ich dennoch der Vollständigkeit halber die “heilige Dreifaltigkeit” erwähnen: Leone, Corbucci UND Sollima.
    Insbesondere letzterer hat sich vielen der hier besprochenen “linken” Themen angenommen, wie man in seiner Cuchillo-Trilogie mit “Der Gehetzte der Sierra Madre”, “Von Angesicht zu Angesicht” und “Lauf um dein Leben” sehen kann.
    Dass man allerdings auch gute Italowestern drehen kann, wenn man nicht Sergio heißt, haben punktuell einige andere Regisseure bewiesen, die aus den Massenproduktionen herausragen.

    Herr Klaathu, lieber Andreas, danke für deinen Beitrag. Du kommst also auch aus dem Ruhrgebiet… du bist aber – wenn ich hier von dir und deinen Italo-Einflüssen lese – aber kein Mitglied des Buio? Um es vorweg zu nehmen: Ich bin kein Teilnehmer dieses Filmclubs.

    1. @einar

      Du hast Recht, eigentlich wird von den drei Sergios gesprochen und es gibt natürlich noch andere Vertreter dieses Genres. Ich wollte jetzt auch nicht zu ausufernd werden, weil ich auch noch den Bogen zu New Hollywood spannen wollte.
      Ich danke Dir aber für Deine Ergänzungen.
      Um Deine Frage zu beantworten: Nein ich bin kein Mitglied des Buio-Filmclubs.

  2. Ein toller Artikel! Informativ und aussagekräftig. Da sieht man mal wieder welcher kleinen Umstände es manchmal nur bedarf um mit den Jahren nach und nach der Filmlandschaft einen “frischen Wind” zu geben.
    Dabei waren die Vorreiter wie Leone gar nicht so überzeugt zu Beginn von ihrem Erfolg. Dennoch sind das bis heute Klassiker, die sich so wunderbar von ihrem amerikanischen Pendent unterscheiden und durch ihre Eigensinnigkeit eine völlig neue Richtung ermöglichten.

    Ein Hoch auf den Spaghetti-Western, der uns nicht nur in seinem Genre tolle Filme brachte, sondern auch dem “New Hollywood” Kino den Weg ebnete 🙂

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