Raw
Veröffentlichungsjahr: 2016 | Genres: Drama, Horror, Thriller, Queer Cinema, Psychodrama, Sozialdrama, Bodyhorror, Independent-Film, Coming of Age, Kannibalenfilm, Exploitation, Gore, Psychologischer Horror, Arthouse, Experimentalfilm
Originaltitel: Grave
Schauspieler: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss, Bouli Lanners, Marion Vernoux, Thomas Mustin, Marouan Iddoub, Jean‑Louis Sbille, Benjamin Boutboul, Virgil Leclaire, Anna Solomin, Sophie Breyer, Danel Utegenova, Bérangère McNeese, Morgan Politi, Alice D\'Hauwe, Julianne Binard, Pierre Nisse, Maïté Lonne, Amandine Hinnekens, Sibylle du Plessy, Denis Mpunga, Alexis Julemont, Lich Jaas, Helena Coppejans, Charlotte Sandersen, Christophe Menier, Fantasy‑Elle, Horse, Moishe Teichman, André Pasquasy
Der französisch‑belgische Body-Horror-Film Raw (Grave, 2016) von Regisseurin und Drehbuchautorin Julia Ducournau erzählt die Geschichte der jungen Justine (Garance Marillier), die ihr Studium der Veterinärmedizin an derselben belgischen Universität beginnt, an der auch ihre ältere Schwester Alexia (Ella Rumpf) eingeschrieben ist. Justine, die seit ihrer Kindheit streng vegetarisch lebt und von ihrer Mutter (Joana Preiss) entsprechend erzogen wurde, wird gleich zu Beginn des Studiums mit harten Aufnahmeritualen konfrontiert. Dabei lernt sie ihren Mitbewohner Adrien (Rabah Naït Oufella) kennen und wird in eine Welt aus Gruppenzwang, Traditionen und körperlichen Grenzerfahrungen gestoßen. Als sie während eines dieser Rituale erstmals Fleisch zu sich nimmt, beginnt sich in ihr ein ungekanntes, zunehmend unkontrollierbares Verlangen zu regen, das sie sowohl körperlich als auch emotional überfordert.
Während Justine versucht, ihre neue Identität zu begreifen, entdeckt sie, dass Alexia eine tiefere Verbindung zu diesem dunklen Drang hat, als sie zunächst ahnt. Zwischen Schwesternkonflikten, sexueller Selbstfindung und dem Druck der Universität verliert Justine immer mehr die Kontrolle über ihre Impulse, während die Grenzen zwischen Menschlichkeit, Instinkt und sozialer Anpassung verschwimmen.
Der Film, der am 14. Mai 2016 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes Premiere feierte, wurde für seine Inszenierung, seine feministische Bildsprache und die intensive Darstellung der Hauptdarstellerin Garance Marillier vielfach gelobt. Ducournau verbindet Coming-of-Age-Elemente mit Körperhorror, ohne den Fokus auf die emotionale und psychologische Entwicklung ihrer Figuren zu verlieren. Die Produktion setzt auf natürliche Beleuchtung, realistische Effekte und eine bewusst körperliche Darstellung der Figuren, unterstützt von Jim Williams’ markanter Musik, die Justines innere Verwandlung akustisch spiegelt. Gedreht wurde überwiegend an der Universität Lüttich, wobei Ducournau großen Wert auf authentische, körpernahe Szenen legte und mit ihren Darstellenden eng zusammenarbeitete.
Julia Ducournau entwickelte Raw aus einem tiefen Interesse an Kannibalismus als Metapher für Identität, Körperlichkeit und weibliche Selbstfindung. Sie begann 2012 mit Recherchen zu realen Fällen, weil sie „ein Drehbuch über eine Jugendliche schreiben wollte, die während ihrer sexuellen Entwicklung zum Kannibalismus findet“ (Zitat aus Wikipedia). Ein zentrales Anliegen war die differenzierte Darstellung weiblicher Figuren, die nicht in stereotype Rollenbilder fallen. Ducournau störte die übliche filmische Behandlung von Kannibalismus als etwas Übernatürliches und betonte, dass Menschen ungern an ihre „tierischen Eigenschaften im Inneren“ erinnert werden. Sie wollte das Publikum körperlich und emotional herausfordern, ohne den Film als reinen Horror zu verstehen, sondern als radikale Coming‑of‑Age‑Erzählung über Erwachsenwerden, Körpergrenzen und gesellschaftliche Erwartungen.
Während der Entwicklung änderte Ducournau die Beziehung der Hauptfiguren: Justine und Alexia waren zunächst keine Schwestern, doch die Regisseurin orientierte sich schließlich an der Geschichte von Kain und Abel, um eine zerstörerische Form von Geschwisterliebe darzustellen. Weitere Einflüsse stammen aus Der Elefantenmensch, dessen Figur Joseph Merrick sie wegen seiner Menschlichkeit tief berührte. Ihre Faszination für Körperlichkeit rührt auch aus ihrer Kindheit, da beide Eltern Ärzte waren und sie früh Gespräche über körperliche Veränderungen, Verletzungen und medizinische Realität hörte. Diese Erfahrungen prägten ihr Bewusstsein für den Körper als etwas Eigenständiges und Unkontrollierbares, ähnlich den Themen in Cronenbergs Werk.
Die Finanzierung des Films gestaltete sich aufgrund des ungewöhnlichen Themas schwierig und dauerte fast ein Jahr. Schließlich beteiligten sich mehrere französische und belgische Förderinstitutionen sowie Sender wie Arte, Canal+ und RTBF. Gedreht wurde rund vierzig Tage lang an der Universität Lüttich, deren veterinärmedizinische Fakultät, Kliniken und das Château de Colonster als Kulissen dienten. Ducournau besetzte Garance Marillier in der Hauptrolle, weil sie „zwischen Ironie, Humor und Ernst“ wechseln könne und ihre Körperlichkeit präzise kontrolliere. Marillier, Ella Rumpf und Rabah Naït Oufella sahen sich zur Vorbereitung gemeinsam Horrorfilme an, um Vertrauen aufzubauen. Für körperlich intensive Szenen studierte Marillier Entzugsdarstellungen aus Filmen wie Trainspotting.
Die Inszenierung legte großen Wert auf Körperlichkeit: Wohnheime wurden niedrig gebaut, stickig und unordentlich gestaltet, damit die Figuren sich wie Tiere bewegen mussten. Für die Effekte nutzte das Team Gummiprothesen und Filmblut; das „Fleisch“ bestand aus geschmolzenen Süßigkeiten. Die Beleuchtung blieb bewusst natürlich, ohne Make‑up, um die Figuren nicht zu sexualisieren. Farben dienten der Vorausdeutung, etwa magentafarbene Beleuchtung vor einer Blutdusche. Jim Williams komponierte eine markante musikalische Entwicklung für Justine, die von Gitarre über Orgel bis zum Cembalo reicht, um ihre innere Transformation zu spiegeln.
Die deutsche Synchronisation entstand bei SPEEECH Audiolingual Labs, und die Besetzung umfasst u. a. Garance Marillier (Justine), Ella Rumpf (Alexia), Rabah Naït Oufella (Adrien) und Joana Preiss (Mutter). Raw feierte 2016 Premiere in Cannes, lief auf zahlreichen internationalen Festivals und erhielt in den USA zunächst eine NC‑17‑Einstufung, bevor er auf R herabgestuft wurde. Weltweit spielte der Film etwa 3,3 Millionen Euro ein.
Die Rezeption war überwiegend positiv: Die Kritik lobte die Inszenierung, die feministische Perspektive, die Körpermetaphorik und die Leistung von Marillier. Auf Rotten Tomatoes erreichte der Film 92 % bei den Kritiken. Gleichzeitig sorgten Festivalvorführungen für Schlagzeilen, da Zuschauende wegen der intensiven Effekte in Ohnmacht fielen. Variety schrieb, man solle „die Kotztüte bereit halten“. Ducournau kritisierte später die Sensationslust der Berichterstattung und betonte, dass nur wenige Szenen wirklich schwer anzusehen seien.
Inhaltlich wurde Raw vielfach analysiert. Ducournau selbst beschreibt die Bizutage‑Rituale als „unsichtbare Gewalt“, die erst durch Wut sichtbar werde. Die Enthaarungsszene steht für den Druck, sich gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen. Sie verzichtete bewusst auf Menstruationsdarstellungen, um das Blut nicht auf ein einziges Symbol zu reduzieren. Die Regisseurin wollte eine Form weiblicher Sexualität zeigen, die aktiv, begehrend und nicht schambesetzt ist.
Die Kritik interpretierten den Film als Metapher für weibliche Jugend, Identitätssuche und die schmerzhafte Anpassung an soziale Strukturen. Emily VanDerWerff (Vox) sieht im Kannibalismus ein Symbol für die Kompromisse, die man eingeht, um dazuzugehören. Kaitlyn Tiffany (The Verge) betont, dass der Film nur deshalb als extrem wahrgenommen werde, weil er weibliche Jugend realistisch darstelle. Jude Dry (IndieWire) beschreibt Raw als Umkehrung des klassischen Bildungsromans, in dem weibliche Körperlichkeit nicht bestraft, sondern erforscht wird. Andere Kritiker wie Stephen A. Russell (SBS) verorten den Film in der Tradition weiblicher Monstrosität und sexueller Metaphern, während Sydney Rappis (WSN) hervorhebt, dass der Film Tabus nutzt, um über Kommunikation, Scham und weibliches Begehren zu sprechen.
Raw erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den FIPRESCI‑Preis in Cannes, mehrere Preise in Sitges, den Louis‑Delluc‑Preis für das beste Erstlingswerk und Nominierungen für den César, u. a. für Regie, Drehbuch und Musik.
Pressematerial © Universal Pictures
Quellen: Wikipedia (CC BY‑SA)
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Produzent: Jean des Forêts, Julie Gayet, Amélie Jacquis, Thomas Jaubert, Philippe Logie, Jean‑Yves Roubin, Antoun Sehnaoui, Nadia Turincev, Cassandre Warnauts
Musik: Jim Williams
Kamera: Ruben Impens
Schnitt: Jean-Christophe Bouzy