Orlando
Veröffentlichungsjahr: 1992 | Genres: Drama, Fantasy, Historienfilm, Literaturverfilmung, Queer Cinema, Romanze
Originaltitel: Orlando
Schauspieler: Tilda Swinton, Quentin Crisp, Jimmy Somerville, John Bott, Elaine Banham, Anna Farnworth, Sara Mair-Thomas, Anna Healy, Dudley Sutton, Simon Russell Beale, Matthew Sim, Jerome Willis, Viktor Stepanov, Charlotte Valandrey, Mary MacLeod, Barbara Hicks, Aleksandr Medvedev, Toby Stephens, Oleg Pogudin, George Antoni, Toby Jones, Robert Demeger, Lol Coxhill, Thom Osborn, Giles Taylor, Heathcote Williams, Thom Hoffman, Sarah Crowden, Lothaire Bluteau, John Wood, Hugh Munro, Peter Hayward, Andrew Watts, Kathryn Hunter, Roger Hammond, Peter Eyre, Ned Sherrin, Cyril Lecomte, Olivia Lancelot, John Grillo, Martin Wimbush, Billy Zane, Terence Soall, Jessica Swinton, John Byrne
„Orlando“ ist ein Filmdrama aus dem Jahr 1992, das von Sally Potter inszeniert wurde, die nicht nur die Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb und gemeinsam mit David Motion die Musik komponierte. Der Film ist eine europäische Koproduktion zwischen dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Russland und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf aus dem Jahr 1928.
Orlando (Tilda Swinton) ist ein junger Adliger am Hof von Königin Elisabeth I. (Quentin Crisp), der ihre besondere Gunst genießt. Durch ein außergewöhnliches Versprechen wird ihm ein langes Leben zugesichert, das ihn durch mehrere Jahrhunderte führt. Im Verlauf seiner Reise erlebt Orlando große Umbrüche – gesellschaftliche wie persönliche – und begegnet dabei vielen faszinierenden Persönlichkeiten. Dazu zählen unter anderem eine rätselhafte russische Prinzessin Sasha (Charlotte Valandrey) sowie später Shelmerdine (Billy Zane), der Orlando in einer entscheidenden Phase seines Lebens begegnet. Über die Jahrhunderte hinweg reflektiert Orlando, was Liebe, Identität, Macht und Geschlecht für ihn bedeuten, während sich die Welt um ihn herum immer weiter verändert.
Der Film spielt virtuos mit der Zeit, was durch sieben Zwischentitel unterstrichen wird: „1600-death“, „1610-love“, „1650-poetry“, „1700-politics“, „1750-society“, „1850-sex“ und „birth“. Mehrfach durchbricht Orlando die vierte Wand und spricht direkt zum Publikum. Die Finanzierung des Films gestaltete sich zunächst schwierig, da viele die Verfilmung von Woolfs Roman für unmöglich hielten. Sally Potter schuf deshalb zusammen mit Tilda Swinton aufwendig bebilderte Storyboards, die an potentielle Geldgeber:innen verschickt wurden. So konnte das Projekt schließlich realisiert werden. Die Produktionskosten betrugen rund 6,5 Millionen Pfund, der Film spielte weltweit etwas über 5 Millionen Dollar ein. Potter hatte den Roman bereits als Jugendliche gelesen und schon 1987 ein erstes Konzept für den Film entwickelt. Gemeinsam mit Tilda Swinton, die maßgeblich an der Entstehung des Films beteiligt war, arbeitete sie fünf Jahre an dem Projekt, bevor die Dreharbeiten beginnen konnten.
Die Besetzung ist prominent: Tilda Swinton verkörpert Orlando, Quentin Crisp, eine bekannte Figur der damaligen Londoner und New Yorker Schwulenszene, spielt Königin Elisabeth I., Billy Zane den Abenteurer Shelmerdine, und Toby Stephens gibt sein Filmdebüt als Othello. Auch Toby Jones hat hier seinen ersten Kinoauftritt. Orlandos Tochter wird von Jessica Swinton, Tilda Swintons Nichte, dargestellt. Für die prächtige, zugleich ironisch gebrochene Ausstattung sorgten die Setdesigner Ben van Os und Jan Roelfs, die beide für den Oscar nominiert wurden. Die Kostüme stammen von Sandy Powell, die dafür ihre erste Oscar-Nominierung erhielt und deren historische Kleider humorvoll und subtil mit der Mode der jeweiligen Zeit spielen. Für die Kameraarbeit war der russische Kameramann Alexei Rodionov verantwortlich, für den dies die erste Zusammenarbeit mit einem westlichen Regisseur war; Potter lobte später besonders die enge, sensible Arbeit mit dem französischen Editor Hervé Schneid.
Gedreht wurde an prachtvollen Schauplätzen in England, darunter Blenheim Palace, Hatfield House und Hampton Court, sowie in Sankt Petersburg und Usbekistan. Die Musik komponierten Potter und Motion gemeinsam, ausgeführt von einem Kammerensemble mit Streichern, Bläsern, Trompete, Cembalo und improvisierten Gitarren von Fred Frith. Besonders markant ist das Lied „Eliza is the Fairest Queen“ von Edward Johnson, das von Jimmy Somerville gesungen wird, als Orlando erstmals auf Elisabeth trifft, sowie „Where ’ere you Walk“ aus Händels „Semele“, gesungen vom Countertenor Andrew Watts. 1993 erschien ein Soundtrack-Album, jedoch ohne diese beiden Stücke.
Seine Weltpremiere feierte „Orlando“ am 1. September 1992 auf den Filmfestspielen von Venedig, weitere Festivalvorführungen folgten in Toronto und weltweit. In Deutschland erschien der Film 2005 erstmals synchronisiert auf DVD, 2010 folgte eine Edition mit umfangreichem Bonusmaterial, Interviews und Szenen vom Dreh in Russland und Usbekistan. Der Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen, darunter zwei Oscar-Nominierungen für Kostüm und Szenenbild, Preise in Venedig und Thessaloniki sowie den Europäischen Filmpreis. Tilda Swinton wurde vielfach für ihre Darstellung gelobt, Sally Potter für ihre Regie und das Drehbuch prämiert, und Sandy Powell gewann den Evening Standard British Film Award für ihre opulenten Kostüme. „Orlando“ gilt bis heute als mutige, bildgewaltige Adaption eines komplexen literarischen Stoffes, die Genderrollen, Zeit und Identität poetisch hinterfragt und kunstvoll ins Bild setzt.
Pressematerial ©Arthaus
Regie: Sally Potter
Drehbuch: Virginia Woolf, Walter Donohue, Sally Potter
Produzent: Laurie Borg, Roberto Cicutto, Jean Gontier, Lynn Hanke, Martine Kelly, Luigi Musini, Richard Salmon, Christopher Sheppard, Vitaly Sobolev, Matthijs van Heijningen
Musik: David Motion, Sally Potter
Kamera: Aleksey Rodionov, Andrew Speller
Schnitt: Hervé Schneid